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Full text of "Studien über die Chanson de Lion de Bourges"

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JLlL*i.?£~ 



Studien 

fiber die 



Chanson de Lion de Bourges. 



luJi K. 



INAUGURAL-DISSERTATION 

zur 

Erlangung der Doctorwurde 

bei der 

liolien philosophisehen Facult&t der UniversM Marburg 

eingereicht von 

Heinrich Wilhelmi 

aus Wiesbaden. 



Marburg. 

Universitats- Buchdruckerei (R. Friedrich). 

1894. 



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Harvard College Library 

JUii 17 1907 

fro^ the University 



Als Dissertation angenommen am 22. September 1893. 



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Meinen lieben Eltern 



in steter Dankbarkeit! 



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Einleitung. 



1. Die Chanson de Lion deBourges ist noch unedirt. Bekannt 
ist sie nur durch knappe, meist ungenaue Angaben, die an geeig- 
neten Stellen der nachstehenden Abhandlung Erwahnung finden 
werden. Eine umfassendere Arbeit uber die Dichtung giebt es 
jedoch noch nicht. 

2. Die beiden Pariser Hss. (vgl. 22 ff.), in denen uns die 
Chanson bekannt ist , sind sehr ausgedehnt (Hs. A zahlt circa 
38000, B ungefahr 40000 Verse), und es leuchtet em, dass der 
Gesamtstoff einer so umfangreichen Dichtung in einer einzigen 
Dissertation nicht behandelt werden kann. Mit Rucksicht hierauf 
hatte bereits vor mir ein anderer Schuler des Herrn Professor Stengel 
eine Untersuchung uber den ersten Teil, etwa das erste Viertel 
des Gedichtes (von Anbeginn bis zu Lions Erscheinen am Hofe des 
Konigs von Sicilien) ubernommen. Seine Arbeit ist aber bis jetzt 
noch nicht zum Abschlusse gebracht. Ich selbst habe den folgenden 
Abschnitt aus den beiden Hss. der Pariser National -Bibhothek 
kopiert und beabsichtige nun, diesen Teil, ungefahr das zweite 
Viertel zu bearbeiten. Auch glaube ich unbeschadet der noch 
ausstehenden anderen Untersuchung mit meiner eigenen hervor- 
treten zu konnen, da die von mir behandelten Partien gegenuber 
dem ubrigen Inhalte der Chanson sich als geschlossenes Ganzes 
darstellen. — Wenn ich hie und da Stellen der Dichtung notig 
habe, fur die der Originaltext mir nicht vorliegt, so tntt datur die 
deutsche Prosaversion , von der mir das Berliner Exemplar des 
Gruningerschen altesten Druckes von 1514 zu Gebote stand (132), 
aushelfend ein: Aus meiner Analyse der Chanson, in welcher ich 
d (Gruningers Diuck) vergleichsweise stets herangezogen habe, er- 
giebt sich namlich, dass die altere und bessere der beiden fran- 
zosischen Hss. A fast wortgetreu von d wiedergegeben wird. 

3. Meine Untersuchung wird sich erstrecken auf: 

I) eine Beschreibung der Hss.; an verschiedenen Stellen sind 
zwar bereits solche gegeben, aber besonders die Verszahl unseres 
Gedichtes ist darin irrig verzeichnet worden. 

II) eine ausgiebige Analyse des bisher nur mangelhaft be- 
kannten zweiten Abschnittes der Chanson und zwar unter Zu- 
grundelegung der besten der beiden uns zuganglichen franzosischen 
Hss. nebst einer Feststellung des gegenseitigen Verhaltnisses der 



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uns uberkommenen zwei franzosischen Fassungen sowie der deut- 
schen Prosaubertragung. Diese deutsche Bearbeitung (vgl. 33 u. 
157) liegt mir, wie schon erwahnt, in ihrem altesten Drucke von 
1514 vor. Leicht zuganglich ist sie uns gevvorden durch K. Simrocks 
Neubearbeitung in seinen »Deutschen Volksbuchern« Band XI. 
p. 213— 445. Da nun diese Neubearbeitung alle die geringlugigen 
Punkte, in denen d von A abweicbt (vgl. Anal.) ebenfalls aufzu- 
weisen hat, auf der andern Seite jedoch nirgends verschieden von 
d und gleichzeitig ubereinstimmend mit A berichtet, so halte ich 
es fur sehr wahrscheinlich, dass Simrock gerade d benutzt hat. 
Offenbar hielt er sich aber nicht allzu angstlich an seine Vorlage, hat 
sie vielmehr stark gekurzt, zurn Teil sogar, wie aus nachstehendem 
Beispiel erhellt, mit solch kuhnen Strichen, dass die Handlung 
dadurch luckenhaft und unverstandlich geworden ist: Simrock 
berichtet zwar, dass Lion einen falschen weissen Ritter zum 
Kampfe verwendet (127), doch verschweigt er, dass dieser Pseudo- 
geist von der Hand des Fursten von Tarent den Todesstoss er- 
leidet (127), und dass Lion fur seine Bestattung Sorge tragt; er 
lasst fernerhin unerwahnt die Prahlereien des Fursten sowohl 
Konig Heinrich (132), als auch Lion (135) gegenuber. Und trotz- 
dem bricht nach Simrock p. 338, 27 ff. beim Erscheinen des weissen 
Ritters (138) der Herzog von Calabrien in die total unmotivierten 
Worte aus: »lch meinte, Ihr hattet den weissen Ritter vor Mon- 
terose erschlagen ; aber ich sehe, es sind Lugen, denn dort kommt 
er mit seinem Gefolge«. — Schon dies eine Beispiel zeigt, dass 
Simrock im vorliegenden Falle einen wissenschaftlich brauchbaren 
Text nicht geliefert hat. 

Ill) Da der von mir ausgehobene Teil der Chanson sich in- 

haltlich als eine Fassung der Sage vom dankbaren Toten charak- 

terisiert, so lag es mir auch ob, die sonstigen Gestaltungen dieser 

so eigenartigen und beliebten Sage mit der unseren zu vergleichen 

: ruid der letzteren ihren Platz inmitten derselben anzuweisen. 

4. Ueber die Entstehung unserer Chanson aussert sich Suchier: 
»Oeuvres Po^tiques de Philippe de Remi Sire de Beaumanoir« 1. 1, 
LXXXI wie folgt: »Un des derniers evenements qui ont fait naitre 
des chansons de geste est la reunion de la vicomte de Bourges a 
la couronne de France. Ce fut en 1098 qu'Eudes Harpin, vicomte 
de Bourges par son mariage avec Mahaut, niece et heritiere du 
vicomte Etienne, au moment de partir pour la Terre-Sainte, vendit 
sa vicomte a Philipp I. Harpin mourut, apres 1 109, dans Pabbaye 
de Cluni. Les Berrichons, qui voyaient expirer avec regret leur 
autonomic Kodale, formerent une tradition, selon laquelle leur 
dernier maitre, Harpin, qui se fit moine a son retour de la croi- 
sade, aurait eu un fils, Lion ; ce fils devait venir un jour r^clamer 
son heritage, et il prouverait qu'il etait le vrai heritier du fief en 
sonnant le cor merveilleux que Ton voyait figure sur Tun des 
murs du palais de Bourges«. 



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5. Ueber Harpin, vicomte de Bourges als historische Person- 
lichkeit unterrichtet Reiflfenberg: »Godefroid de Bouillon* p. 55 
Anm. Man bezeichnet ihn allgemein als Teilnehmer am ersten 
Kreuzzuge; vor seiner Abreise soil er sein Land an die franzSsische 
Krone verkauft haben. 

Als Kreuzfahrer wird er kurz erwahnt in verschiedenen Teilen 
der Geste des Chevalier au Cygne. Ich citiere einige Belege: 
Graindor de Douai berichtet in seiner Erneuerung der Chanson 
d'Antioche HL XXII p. 385. 

Soixante mile furent, si com dist li escris. 

Segnor, en cele route fut Harpins li hardis, 

Cuens estoit de Boorges et sire poestis, 

Mais au roi ot vendue sa terre et son pals. 

»Jerusalem«, ebenfalls uberarbeitet von Graindor, nennt einen 
Harpin, desgl. einen Kreuzfahrer namens Raymon de St. Gille 1 ) 
(HLXX1I p. 370 u. 371). 

»Godefroid de Bouillon«, Fortsetzung des »Chevalier au Cygne«, 
erwahnt neben einer Anzahl anderer Kreuzfahrer auch Harpin de 
Bourges (vgl. Reiffenberg: »Godfr. d. B.« p. 55). 

In »Baudouin de Sebourg« findet sich eine Anspielung auf 
die Gefangenschafl des Herzogs Harpin de Bourges (HLXXV p. 539). 

»Renier« endlich, eine Dichtung, die den Sohn Maillefer's und 
Enkel Rainouart's feiert, berichtet, dass mit Tancred gleichzeitig 
in einer Nacht alle Haupter des ersten Zuges das Licht der Welt 
erblickten, unter ihnenauch Harpin de Borges 2 ) (HL XXII p. 544). 

6. Eine ganz andere Rolle als in der Geschichte und den 
Kreuzzugsepen spielt Herzog Herpin in unserer Chanson: Er ist 
der Vater des Helden, nur sein Name ist noch historisch, seine 
Schicksale wie die seines Sohnes und Enkels setzen sich zusammen 
aus Episoden, die den verschiedensten Sagenkreisen entstammen, 
eingerahmt in die Geschichte vom vertriebenen Fursten, der nach 
langen lrrfahrten s$in Heimatland wieder in Besitz nimmt. 

Lion de Bourges, der Name des Haupthelden, ist mir in der 
ganzen altfranzosischen Litteratur nur noch einmal begegnet und 
zwar in ^Tristan de NanteuiU (vgl. Jahrb. IX p. 397 und HL 
XXVI p. 267). An der betreflfenden Stelle dieses Gedichtes be- 
klagt der Verfasser die Begnadigung eines Verraters: 

»Las! pourquoi ne Tocient li nobile baron! 
Car puis fist tant de mal l'emperere Charlon, 
Entre lui et Gonbault 8 ) le trahistre larron, 

1) Er wird wohl in unserer Chanson dem Freunde Lions Raymon de 
St. Gille den Namen gegeben haben (vgl. Analyse 48 etc.). 

2) Auch in »Aiol et Mirabel « 3207 ft*, ist von einem Grafen von Boorges 
die Rede, Aiol iiberwindet ihn im Kampfe; es wird wohl kaum der Kreuz- 
fahrer Herpin damit gemeint sein. 

3) vgl. LdB. d 23 a 28 ff. vmb die selben zeitt waren gesessen in der 

selben statt Toilet zwen heiden gebruder der ein hies 

Gonbauz vnnd sein bruoder hies Man das. aber der valsch Gonbaux hatte 
so vil gelert das er in dem gestirne vil erkant. d 126 c 31 ff. da das der 



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8 

Que Charles en souffri niainte perdicion; 
Mais puis en fu vengies par le bon due Lyon, 
Qui fu sires de Bourges la cite de renon*. 

7. Suchier a. a. O. bemerkt weiter zur Entstehung der Chanson 
de Lion de Bourges: »Cette histoire, que je crois un rejeton de 
1'histoire de Havelok the Dane etc.« Leider lasst es Suchier bei 
dieser Vermutung bewenden, ohne Argumente fur sie anzufuhren. 
Prufen wir selbst und sehen wir zu, ob und wie weit erRecht hat. 

8. Havelok, Sohn des Konigs von Danemark, wird als Kind aus 
den Handen eines Usurpators errettet und nach England gebracht. 
Anfangs zu niedrigen Diensten verwandt, gewinnt er als starkster 
Mann die Hand der Tochter eines englischen Potenlaten. Nach 
der Vermahlung erfahrt Havelok von den Kindern seines Erretters, 
dass er der rechtmassige Erbe von Danemark sei. Er kehrt zuriick, 
bekundet sich durch das wunderbare Leuchten seines Mundes, so- 
wie durch Blasen eines Homes, das nur der legitime Thronfolger 
von Danemark ertonen lassen kann , als angestammter Herrscher, 
vertreibt und bestraft die Verrater. 

Lion, Sohn des Herzogs Herpin von Bourges, der durch 
den Verrat eines verleumderischen Vasallen samt seiner Familie 
von Karl dem Grossen aus Frankreich verbannt worden ist, besteht 
mit Hilfe eines ihm wohl gesinnten Geistes mancherlei Abenteuer, 
um zum Schluss, mit dern Kaiser ausgesohnt, das Herzogtum seines 
Vaters wieder aufzusuchen, durch Blasen eines Homes, dem nur 
der rechte Erbe von Bourges einen Ton zu entlocken vermag, sich 
zu legitimieren und die Verrater zu ziichtigen. 

9. Nicht zu leugnen ist die Uebereinstimmung beider Dich- 
tungen in der Hornepisode. Auch zu einzelnen anderen Stellen 
des »Havelok« konnen wir Entsprechungen im »Lion de Bourges* 
konstatieren: 

Als starkster Mann von England erhalt Havelok die Hand der 
Konigstochter; durch seine Meisterscha ft im Turnier gewinnt Lion 
Herz und Krone der Florentine (vgl. Anal. 41 ff.). 

Wie Havelok tragtLion ein leuchtendes Kreuz auf der Schulter, 
beide bekunden sich durch dieses Zeichen als Furstensohne. — 
Havelok wird in England anfangs als Kuchenjunge verwendet, 
desselben Amtes waltet die verkleidete Herzogin von Bourges, 
Lions Mutter (vgl. d 9 d 17 ff.). 

Damit sind aber die Parallelen beider Dichtungen auch er- 
schopft , • ihre Zahl und Bedeutung ist, von der Hornepisode ab- 
gesehen, gering; ausser diesem Motive sind sie alle keine specifi- 
schen Merkmale der beiden Gedichte, wir begegnen ihnen vielmehr 
in einer ganzen Anzahl von Abenteuerromanen. 



kunig (Earl) hort | da gedacht er heiualich in im selbs | das ist das zeichen 
das mir der engel verkindet hat das Lewe Gombaz sol erschlagen. — Sollten 
wir vielleieht in der Handlung, die sich an die Person des Gonbault knupft, 
den ursprunglichen Kern der Chanson zu erblicken haben?! 



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10. Keineswegs sind wir daher berechtigt, »Lion de Bourges« 
als einen »rejeton« der Haveloksage zu bezeichnen: In unserer 
Chanson spiegelt sich vielmehr in deutlichen Umrissen eine weit 
und breit bekannte Sagengestalt wieder, es ist Huon de Bordeaux, 
lhn hat sich der Verfasser des »Lion de Bourgesc zum Vorbilde 
genonimen l ). 

11. Schon die Eingangsscene beider Epen ist merkwurdig 
ahnlich: Karl der Grosse halt zu Pfingsten einen Hof in Paris ab; 
er freut sich der stattlichen Vasallenschar, die seinem Winke Folge 
leistet. Da tritt ein Verleumder hervor und behauptet, Bordeaux 
(Bourges) bote dem Konig Trotz. Zwischen den Verratern und 
den Beschuldigten entspinnt sich ein Streit, der mit dem Tode 
des Verleumders endet. — Karl, anfangs unerbittlich streng, lasst 
sich erweichen und verweist den Racher seiner Ehre nur des Landes. 

12. Der Held ist bei seinem Zuge in die Fremde ganz auf 
sich selbst angewiesen. Nur ein alter Bekannter von des Helden 
Vater ist ihm ein treuer Gefahrte, seitdem dieser im Gesichte des 
Junglings die geliebten Ztige seines fruheren Genossen erkannt hat. 

13. Da, in der grossten Verlassenheit erscheint dem Helden 
Hilfe vom Himmel, hier Auberon, dort der blanc chevalier. Welche 
Ahnlichkeit zwischen ihnen! Beide der Geislerwelt angehorende 
Boten Gottes stehen ihrem Liebling bei, jeder ein deus ex machina 
erscheint an der Spitze himmlischer Heerscharen, dem in Not 
befindlichen Schutzbefohlenen beizuslehen mit ubernaturlicher, die 
Feinde vernichtender Gewalt. — Beide lassen den Helden im Stiche, 
als er sich, ihrem Gebote hohnsprechend, der Unkeuschheit schuldig 
gemacht hat und kommen ihm erst dann wieder zu Hilfe, als er 
das Vergehen mit Entbehrungen aller Art gesiihnt. 

14. Das Horn von Bourges dient dem gleichen Zwecke wie 
Auberons Wunderhorn, beide sind sie ein Prufstein des Menschen, 
in beiden Fallen handelt es sich darum, das Wahre vom Unwahren 
zu unterscheiden, hier den wahrhaft Guten, dort den rechtmassigen 
Erben zu ermitteln. Immerhin mag aber die betreffende Schilderung 
im »Havelok« dem Dichter des »Lion de Bourges« nebenher vor- 
geschwebt haben. 

15. Was endlich meiner Behauptung, »Huon de Bordeaux« 
habe unserer Chanson zum Vorbilde gedient, noch mehr Wahr- 
scheinlichkeit verleiht, ist der Umstand, dass die altere der uns 



1) Dass nur »Huon de Bordeauxc unserer Chanson und nicht umgekehrt 
♦Lion de Bourgesc dem »Huon de Bordeaux* vorgelegen haben kann, darf 
8chwerlich in Zweifel gezogen werden. Die aiteste Hs. des »Huon de Bor- 
deaux* 8tammt aus deui 13. Jahrhundert, und die darin enthultene Fassung 
der Dichtung ist nicht die ursprungliche, die des »Lion de Bourges* fruhestens 
aus dem 14. Dazu ist der Stoff des »Huon de Bordeaux* weit zusamraen- 
hangender und einheitlicher als der aus zahlreichen Quell en compilierte 
lnhalt des >Lion de Bourges*. 



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bekannten Fassungen des »Lion de Bourges* mit derZehn-Silbner- 
Version des »Huon de Bordeaux« und der Chanson de Huon roi 
de feerie, einer Fortsetzung des letzteren, einen Codex ausfullt 
(vgl. 23), und dass alle drei Dichtungen zweifellos von derselben 
Hand geschrieben sind. Diese Thatsache lasst uns ferner ver- 
muten, dass gerade die Zehn-Silbner-Redaktion des »Huon de 
Bordeaux* von unserem Dichter benutzt worden sei. 

16. Unter 13 habe ich als Parallele zwischen »Huon de Bor- 
deaux* und »Lion de Bourges* angefuhrt, dass der Held durch 
Unkeuschheit seinen Beschutzer erzurnt, sodass dieser ihn bis zur 
volligen Abbussung der Schuld im Stiche lasst. Auf den letzten 
Punkt muss ich specieller eingehen, da es sich in unserer Chanson 
um eine bewusste Nachbildung der bekannten Scene zwischen 
Huon und Esclarmonde handelt, die fast genau ubereinstimmend auch 
in der grossen Interpolation derZwolf-Silbner-Redaktion des »Huon 
de Bordeaux* in »Huon et Gallisse* der Hs. 1451 wiederkehrt 
(vgl. H. Schafer: »Ueber die Pariser Hss. 1451 und 22555 der 
Huon de Bordeaux-Sage*. A & A XC §§17—23). 

17. Ich gebe im Folgenden eine knappe Darstellung: 

I) der hierher gehorigen Scenen der Interpolation: 

18. Huon wird von Konig Gorhans mit 10 seiner Lands- 
leule gefangen gehalten. Die Tochter des Konigs, Callisse (!), hat 
schon vielfach die Vorziige des jungen Ankommlings preisen horen, 
sodass sie ihn lieble, ohne ihn gesehen zu haben. — Jetzt erscheint 
er ihr selbst, noch schoner nnd edler als sein Ruf: Der Geliebte 
muss gerettet vverden, aber nur in einem Falle, vvenn er namlich 
ihre Liebe erwidert. — Huons Herz ist allerdings nicht mehr frei, 
er gedenkt seiner einzig geliebten Braut Esclarmonde, aber in der 
Hoffnung, das Elend seiner Mitgefangenen lindern zu konnen, er- 
klart er sich bereit, Callissen zu willfahren. Sie fliehen beide aus 
dem Schlosse. — Auberon erscheint, rettet das Paar aus den 
Handen der Verfolger und mahnt Huon, Esclarmonde die Treue 
zu vvahren. Der Held ist dadurch genotigt, Callissens Liebesflehen 
zuriickzuweisen , wahrend sie, von Eifersucht gequalt, kein Mittel 
scheut, den Geliebten zu gewinncn. Sie erreicht endlich ihr Ziel, 
Huon biicht Auberons Gebot. — Der Held ist im Begriffe, mit 
Callisse in einen Wald einzureiten, da tritt ihm ein schwarzer 
Ritter (!) in den Weg und verkiindet ihm in barschem Tone den 
Zorn des Elfenkonigs. 

II) der entsprechenden Episodenreihe des »Lion de Bourges« : 

19. Lion hat Florentine, die Tochter des Konigs von Sicilien, 
im Turniere gewonnen, aber Gamier, der verraterische Herzog von 
Calabrien, hat sie ihm entfuhrt und auf das feste Schloss Rege 
gebracht, wo sie unter der Obhut von Garniers Schwester Clarisse 
bis zu dessen Ankunft gefangen gehalten werden soil. Lion bleibt 
der Aufenthaltsort Florentinens nicht verborgen; als Pilger ver- 



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kleidet wandert er nach Rege, seine gelieble und liebende Braut 
zu besuchen. Sie hat Clarisse (!) schon des ofteren von der 
Schonheit und den Tugenden des Geliebten erzahlt, und Clarisse 
ist in Liebe zu dem Unbekannten entbrannt. — Da kommt er 
selbst, sie erkennt ihn, nun soil er ihre Liebesglut stillen odor, 
wenn er sich weigert, der Rache des Herzogs zum Opfer fallen. 
Lion denkt an die mahnenden und warnenden Worte, die ihm 
der weisse Ritter (!) nachrief, als er seine Reise antrat, er gedenkt 
der einzig Geliebten, aber er sieht auch ein, dass er und Florentine 
nur dann ihre Freiheit wieder erlangen konnen, wenn er Glarissen 
zu Gefallen handelt. Er vviderstreitet nicht langer. — Clarisse, 
zum vollen Bewusstsein ihres Verrates am eigenen Bruder gekom- 
men, flieht mit dem Geliebten, wird aber durch Rauberhande von 
ihm getrennt. — Lion reitet durch den Wald einher; da erscheint 
plotzlich der weisse Ritter (!), teilt ihm mit, dass er (Lion) durch 
seinen Treubruch den Zorn Christi auf sich herabbeschworen 
habe, dass er, der weisse Ritter, seine Gesellschaft kunftig meiden 
musse x ). 

20. Auf die grosse Verwandtschaft der beiden Erzahlungen 
brauche ich nicht noch hinzuweisen. Die Uebereinstimmung un- 
serer Chanson mit der Zwolf-Silbner-Redaktion des »Huon de 
Bordeaux« springt in die Augen, und ich bin geneigt, »Lion de 
Bourges« als die Quelle der letzteren anzusehen, wahrend ihm 
selbst die Zehn-Silbner-Redaktion des »Huon de Bordeaux* zum 
Vorbild gedient hatte. Dafur dass »Huon et Callisse« auf »Lion 
de Bourges« zuruckgehe, scheint mir namentlich die Figur des 
schwarzen Ritters zu sprechen, welche aller Wahrscheinlichkeit 
nach ihre Entstehung dem blanc chevalier verdankt, wahrend der 
blanc chevalier selbst nur als eine Modification von Auberon an- 
zusehen ware. Der Name Callisse ist auch eine deutliche Ent- 
stellung von Clarisse. 

Im ganzen macht auch die Interpolation weit mehr als die 
Episode des »Lion de Bourges« den Eindruck der Nachahmung 
und scheint wesentlich junger zu sein als der hier in Betiacht 
kommende Teil unserer Dichtung. Wahrend wir die Interpolation 
ohne Storung der ubrigen Handlung fortlassen konnen, sind die 
belrefifenden Scenen des »Lion de Bourges«, wie schon die vor- 
stehende knappe Skizzierung und noch besser meine ausfuhrliche 
Analyse zeigt, eng mit der voraufgehenden Handlung verbunden 
und von ihr vorbereitet; auch mit den folgenden Ereignissen stehen 
sie in engem Connex, indem das Abenteuer Lions mit Clarisse 



1) Die vorstehend gegebenen Analysen verfolgen den Zweck, die Ueber- 
einstimmuDgen der Gedichte moglichst klar hervortreten zu lassen und 
beschranken sich daher auf Erwahming genieinsamer Ziige; sie unterscheiden 
sich dadurch wesentlich von meiner inbaltsangabe der Chanson (34 if), die 
streng objektiv gehalten die gesamte Handlung des Gedichtes getreu wieder- 
giebt. 



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Florentinen die Flucht ermoglicht und damit die ganze fernere 
Verwicklung herbeifuhrt. — Dazu berichtet »Lion de Bourges« die 
Episode in 1000 Versen, die correspondierenden Stellen der Inter- 
polation haben aber ungefahr den doppelten Umfang. 

Selbstverstandlich war der Interpolator in einigen Punkten 
(z. B. bei den Namen) gezwungen, den ihm in »Lion de Bourgesc 
vorliegenden Stoff der Dichtung, in die er ihn einschaltete, anzu- 
passen. 

21. Fassen wir unsere seitherigen Hauptergebnisse zusammen : 

1) Die Chanson »Lion de Bourges* hat. was ihre 
Anlage und verschiedene ihrer Hauptmotive (11—14) 
anbetrifft, sich die Chanson »Huon de Bordeauxc, 
wahrscheinlich in der Zehn-Silbner-Redaktion, zum 
Muster genommen. 

2) Die gross e Interpolation indieZwolf-Silbner- 
Version des»Huonde Bordeauxc »Huon et Callisse« ist 
eine directe Nachahmung der unter 19 angefuhrten 
Episode des »Lion deBourges«. Durch dieBenutzung 
unserer Chanson geht also »Huon et Callisse« nur 
indirekt auch auf die Zehn-Silbner-Redaktion des 
»Huon de Bordeaux« zuriick. Neben »Lion de Bourges« 
muss aber auch die Zwolf-Silbner-Redaktion des 
»HuondeBordeaux« auf die Interpolation von Einfluss 
gewesen sein. 

Da ich mich nur mit einem Teile der Chanson von Lion de 
Bourges beschaftige, Hegt es mir nicht ob, sammtliche weiteren 
Quellen des Gedichtes aufzudecken. Ausser »Huon de Bordeaux« 
wird vielrnehr in dieser Hinsicht von mir nur noch die Sage vom 
dankbaren Toten und zwar im ktzten Teile meiner Arbeit in 
Betracht zu Ziehen sein. 



Schliesslich erfulle ich noch die angenehme Pflicht, Herrn 
Professor Ed w. Schroder, der, wo die vorliegende Arbeit auf 
germanistisches Gebiet abschweifte, mir allezeit ein gutiger Berater 
gewesen ist, sowie Herrn Professor Stengel fur seine stets wohl- 
wollende Unterstutzung bei dieser Abhandlung meinen verbind- 
lichsten Dank auszusprechen. 



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13 



Die Handschrif ten der Chanson de Lion de Bourges. 

22. »Lion de Bourgesc ist uns in 2 franzosischen Hss. der 
Pariser Bibl. Nat. fiberkommen : 

1) f. fr. 22555. Sie ist, wie die Untersuchung fiber das 
gegenseitige Verhaltnis der Fassungen ergiebt, die altere; nennen 
wir sie daher A gegen fiber 

2) f. fr. 351 , die wir als B bezeichnen. 

Wegen einer dritten Hs. vgl. Ebert: Jahrb. IV 53—54. Ich 
habe nichts Naheres fiber diese Hs. erfahren konnen. 

23. A. Gut erhaltener Papierfoliant in rotem Einbande; 
12-Silbner in einreimigen Tiraden. Das ersteBlatt aus Pergament 
bestehend zeigt von ziemlich moderner Hand die Bemerkung: »Le 
Ms Du 16 e (?) Siecle Gontient Le Roman en Vers Du Due Lyon 
de Bourges et De Huelin De Bordeaux le dernier feuillet manque*. 
Dieses letzte Blatt ist nur als kleiner Stumpf erhalten. 

Der Band enthalt: 

1) fol. lr — fol. 183 v la Chanson de Lyon de Bourges. 

2) fol. 184r — 247 v le liure de Huelin de Bordialx et du 
roy Auberon. 

3) f. 248 r — 253 v la Chanson de Huon, roi de feerie. 
Jede Seite unseres Romans enthalt 2 Spalten a 50—54 Verse. 

Die Anfangsbuchstaben eines jeden Verses, etwas grosser als die 
fibrige Schrift, sind mit einera roten verticalen Strich versehen, 
die Initialen der Tiraden in roter Farbe ausgefuhrt. 

24. Ueber die Verszahl von A bestehen seither die wider- 
sprechendsten Angaben. Wahrend P. Paris: »Les manuscrits 
fran^ais etc.€ t. Ill p. 1 sie auf »mindestens 20000« schatzt, be- 
rechnet sie Foerster in der Einleitung zu seiner Ausgabe des 
>Richars li Biaus« p. XXVII und ebenso Suchier a. a. 0. auf 
55000. Foerster hat wohl folgendermassen kalkuliert : Der Codex 
hat 253 Blatter, Verszahl der Spalte ist durchschnittlich 54, auf 
das Blatt kommen demnach 4 . 54 = 216 Verse . 253 ergiebt als 
Gesamtsumme 54648, rund 55000. Da unsere Chanson aber nur 
bis fol. 183 reicht, und das Blatt im Durchschnitt 4 . 52 (52 (!), 
nicht 54) = 208 Verse zahlt, so betragt die Gesamtverszahl nur 
208 . 183 = 38064, rund 38000. 

25. B maroquinroter Pergament-Foliant mit dem 3-Lilien- 
Wappen verziert, auf dem Rficken die Aufschrift: »Roman de 
Lyonc. Er enthalt eine zweite Fassung des »Lion de Bourges* in 
8-silbigen Reimpaaren. Foerster a. a. 0. irrt sich, wenn er glaubt, 



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14 

das Ms. sei unleserlich , da die Tinte das Papier zerfressen habe, 
die Schrift ist vielmehr wie der ganze Codex ebenso sorgfaltig 
und schon ausgefuhrt, als vortrefflich erhalten. — Jedes neue 
Kapitel wird durch eine kurze Inhaltsangabe in rater Tinte ein- 
geleitet. Die Initialen der Abschnitte sowie zahlreiche Versanfange 
inmitten der Erzahlung hat der Schreiber in Gold auf blauem 
oder fleischfarbenem Grunde gemalt. 12 sorgfaltig hergestellte 
farbige Bilder illustrieren die jeweilige Situation. Sie befinden 
sich: 12d — 45c-56ab — 98d — 107c — 142 (cd nur zur Halfte 
fullend) — 149ab-159d — 177d — 218c-235cd. 116cd ist frei 
geblieben. Da aber 1 17 a die Erzahlung ohne Unterbrechung weiter- 
fuhrt, so wird die Lucke wohl ursprunglich auch zur Aufnahme 
einer Illustration bestimmt gewesen sein. 

26. Im ganzen zahlt B 258 Blatter, von denen jedoch das 
letzte nur mit einigen 20 Versen beschrieben ist. Jedes Blatt hat 
4 Spalten von a 44) Versen. Es ergiebt sich daher als Verszahl 
40 . 4 . 257 = 41 120. Subtrahieren wir hiervon die Verse, welche 
die Bilder sowie die umfangreichen Kapiteleintdlungen wegnehmen, 
so erhalten wir die runde Summe von 40000 Versen. 

27. Nicht immer sind die 8-silbigen Reimpaare korrekt, von 
117a ab beginnen Schrift und Behandlung der Silbenzahl sehr 
nachlassig zu werden. Wesentlichere metrische Abweichungen in 
dem von mir behandelten Teile fmden sich: 

B 91 c 20 — 23 Helas Lyon mon amy cher 
Je suis cause de vostre raort 
Mod plaisir vous couste bien cher 
Dont ay en mon cuer tel remort. 

Die 4 Verse reimen nach dem Schema abab. Offenbar beruht 
aber diese Unregelmassigkeit nur auf einem Versehen des Schreibers, 
denn ohne Schadigung des Sinnes konnen wir- die Verse 21 und 
22 umstellen, um 2 achtsilbige Reimpaare zu erhalten. 

28. Andere Abweichungen im Versbau mussen wir als vom 
Verfasser beabsichtigt ansehen: 

118 a 35 — 118b2 steht eine kurze Reihe von 4 sechssilbigen 

Reimpaaren : 

118 a 35 Le prince de Tharente Lyon le bon vaissal 

Auec plus de quarente 40 Poursuit le seneschal 

Sen fouyt parniy la pree 1 18b 1 Auec le due Gamier 

Geneure ont enmenee Fuyans sur le grauier. 

29. 118b 33 — 118c 20 fmden sich 7 Strophen nach dem 
Schema abba eddc etc. 

118 b Pour vng homme de pied combatre 

33 Lyon na faict longue demeure Efc mis a P ie< * P our mieulx labatre 

Pour combatre au seneschal Affin ^^ poinct neust de reproche 

Et quant la apperceu a val 118 c 

Sest descendu la chose est seure 1 Lors commenca grosse meslee 

37 Car poinct ne vouloit faire approche Entre ses deux bons champions 



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15 

Le feu sortit des haubergeons Pour dieu sire oyez ma requeste 

Et le sang court eu la vallee 13 Vueillez auoir de moy pitie* 

5 De si merueilleux coups se donnent Et je vous don ray tout lauoir 

Quoncques ne fut veu tel assault Que vous prinstes en mon manoir 

Lyon abbat du premier sault En vous seruant par amitfe* 

Le bras du seneschal et tournant 17 Dedans Montluisant la cite* 

9 Pour acoup luy coupper la teste Ou tinstes haulte court tous dis 

Le seneschal si luy escrie Auec maintz cheualiers de pris 

Et a deux genoulx si le prie Et fus par vous desherite\ 

30. In Bezug auf das Alter der Hss. gehen die Ansichten 
ebenfalls auseinander. . P. Paris a. a. 0. und Foerster a. a. 0. 
geben als Abfassungszeit von A das 15. Jahrhundert an, wahrend 
die oben citierte Bemerkung in der Hs. sie sogar in das 16. Jahr- 
hundert verweist. Suchier a. a. 0. p. LXXXIV behauptet, die 
Hs. stamme unzweifelhaft aus dem 14. Jahrhundert. Seiner An- 
sicht trete ich bei. Als Argument dafur, dass sie ein hoheres 
Alter nicht beanspruchen konne, fuhrt er an: >elle (la chanson) 
n'emploie plus le nom de Bourges que comme dissyllabec 

Fur 2? setztP. Paris den Anfang des 16. Jahrhunderts, Foerster 
schlechthin das 16. Jahrhundert an. Ich mochte mich wegen der 
Sprachformen eher fur das 15. Jahrhundert entscheiden. Die Er- 
wahnung des »Lion de Bourges* im »Tristan deNanteuil(G) kann 
uns uber die Abfassungszeit unserer beiden Hss. keinen Aufschluss 
geben, die Stelle konnte nur beweisen, dass schon vor » Tristan 
de NanteuiU ein Gedicht uber Lion de Bourges bestanden habe, 
und aus verschiedenen Bemerkungen von A wird es ziemlich klar, 
dass eine altere Bearbeitung des »Lion de Bourges« in der That 
existierte. Vgl. Foerster a. a. 0. p. XXVII— XXVIII sowie A 35 c 1 S 
SIgnour or antandes glorieuse chanson 
Maint menestres si ont chanlez du due Lion 
Comment sonnait le cors a Bourge sa maison etc. 

31. Auch in Deutschland hat die Chanson durch eine Prosa- 
bearbeitung Verbreitung gefunden. Diese ist uns handschriftlich 
uberliefert: 

1) in einer Heidelberger Hs. (15. Jahrh.), beschrieben bei 
K. Bartsch: >Ad. Hss. der Heidelberger Universitatsbibliothek« 
1887 No. 93. Bartsch glaubt irrtumlich, dass diese Hs. die einzige 
sei, wahrend jedenfalls noch eine zweite vorhanden ist, namlich: 

2) ms. germ. Fol. 464 der Berliner Kgl. Bibl. Papierhs. des 
15. Jahrhunderts. Holzdeckel mit braunem Lederuberzug und 
Messingbeschlag; Numerierung mit Bleistift. Der eigentliche Roman 
nimmt seinen Anfang mit p. 25 des Bandes, doch beginnt die 
Seitenzahlung wieder mit 1 und setzt sich bis 806 fort. Unser 
Text reicht bis p. 790. Jede Seite hat 32—35 Zeilen. In den 
Text sind 90 kunstvolle Federzeichnungen verteilt. — Vor und 
hinter dem eigentlichen Romane steht in fluchtiger Schrift, jeden- 
falls von anderer Hand, eine knappe Inhaltsangabe des Romans 
in64Kapiteln, doch sind Kap.I-XV verloren, XVI-XXXV stehen 



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16 

vor dem Romane p. 1—21, XXXVI— LXIV folgen ihm. Offenbar 
ist dieser Entwurf erst beim Binden getrennt worden. Auf der 
ersten, unbeschriebenen Seite des Codex findet sich ein Name, 
jedenfalls der eines Besitzers, , f ^lI6red^t @rn[t", und auf der Riick- 
seite des Blattes steht von derselben Hand der seltsame Spruch: 
„fogt @§ curem Slitter neben bet), bafe Sot bem tol)t 1Z od)§ fet)l fet)". 
3) Scheller: »Bucherkunde der sass.-nd. Spr.c 1845 nennt 
noch eine dritte Hs.: »Le\venbuch oder Herpin von Bulges in 
Berry und sein Sohn Lew«. Sie soil sich im furstlichen Museum 
zu Braunschweig befinden. Wenn Scheller das 14. Jahrhundert 
als Abfassungszeit dieser Hs. angiebt, so beruht das jedenfalls auf 
einem Irrtum. 

32. Einer wie grossen Beliebtheit der Roman sich erfreute, 
zeigen die zahlreichen Drucke, die er erfahren hat, zuerst 1514 
durch Gruninger in Strassburg (d) (vgl. V. d. Hagen: »Gesarnmt- 
abenteuerc I p. XCV1I und Goedeke: Gdr. I p. 358). 

33. Alle deutsehen Hss. scheinen mir ein und dieselbe Bear- 
beitung wiederzugeben und zwar Hs. A, oder vielmehr die von A 
uberlieferte Rcdaktion des Gedichtes, nicht B. Ich grunde meine 
Vermutung auf den Uinstand, dass alle mir bekamiten Textstellen 
der deutsehen Hss. sovvohl unter einander, als auch mit den ent- 
sprechenden Partien von A ubereinstimmen, von den in Betracht. 
kommenden Stellen der Hs. B aber wesentlich abweichen (vgl. 
auch 157). Ich citiere hier nur die Anfange der Hss. 

A beginnt: 

»Seignour or faite[sj paix cheuaillier f et] baron 
Bourgoi8 et clerc et prestre gens de religion 
Et ie uous chanterai(t) une bonne chanson 
Teille ne fuit cbantee pues le tempz Salemon«. 

Cod. Pal. (Bartsch a. a. 0.): 

»HErren machen freiden Ritter vnd knecht 
Burger schiiler vnd geistlich liite. 
Ich wil uch sagen en guot bystory 
Das solcher sage nie gesaget wart«. 

Die Berliner Hs. setzt ebenso ein ; dagegen B [P. Paris a. a. O. p. 4] : 
»Icy commence Thistoire 
Et vray rommant ample et notoire 
Du riche et puissant due Lyon 
Qui vertus eut un million* etc. 



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17 



Analyse der Hs. A mit Varianten von B sowie 
der dentschen Prosabearbeitung [d]. 

34. Eine ausreichende Analyse der Chanson »Lion de Bourges« 
oder nur eines Teils derselben existiert noch nicht. K. Simrock: 
»Der gute Gerhard und die dankbaren Toten« p. 104 ff. und 
V. d. Hagen : »Gesammtabenteuer« I p. XCVIII f. schopfen aus der 
deutschen Bearbeitung und beschranken sich auf die Hauptziige. 
P. Paris a. a. O. allein hat eine franzosische Hs. zu Grunde 
gelegt, unglucklicher Weise aber B (wie wir sehen werden die 
bei weitem schlechtere) , und zwar berichtet er den Inhalt so 
kurz, dass er die von mir copierten 10 300 Verse der Hs. IB nur 
mit den Worten streift: »Les aventures du valet, son mariage 
avec la fille du roi de Sicile, ses malheurs, ses victoires . . . .« 
Zweifellos ist aber gerade dieser Abschnitt als Gestaltung der 
Sage vom dankbaren Toten (vgl. 155 ff.) nicht nur fur den 
Romanisten, sondern vor allem auch fur den Sagenvergleicher 
von lnteresse. 

35. Zur grosseren Klarheit zerlege ich die Erzahlung in ein- 
zelne Teile. Nach der Inhaltsangabe von A verzeichne ich, 
und zwar am Ende eines jeden Abschnittes, die Varianten von jB, 
wahrend die nur geringfugigen Abweichungen von d in Anmer- 
kungen angegeben sind. — Zum besseren Verstandnis meiner 
Analyse schicke ich in kurzen Worten den Inhalt des ersten 
Viertels der Chanson voraus: 

Harpin, Herzog von Bourges und seine Gemahlin werden 
von Karl dem Grossen aus Frankreich vertrieben. Ihrem Gatten 
entrissen schenkt die Herzogin einem Knablein das Lebeu, wird 
aber durch Rauber bald auch von ihrem Sprossling getrennt. 
Wahrend Vater und Mutter die wunderlichsten Abenteuer zu be- 
stehen haben, findet ein Graf Baudouyn de Monclin das Kind in 
der Hohle einer Lowin, die das Knablein saugt; er nimmt sich 
seiner an und giebt ihm den Namen Lion. Zum Jungling heran- 
gewachsen , verprasst Lion durch Turnieren und Festlichkeiten 
alles Geld und Gut des Grafen, den er fur seinen leiblichen Vater 
halt. Da offenbart ihm Baudouyn das Geheimnis seiner Geburt, 
und Lion halt es nicht langer an der Statte seiner Kindheit. Er 
will in die weite Welt, sich selbst ein Reich grunden und vor 
allem Vater und Mutter suchen. Seine Barschaft ist nur gering. 
Trotzdem giebt er sein letztes hin, um einen toten Ritter, dem 
der Wirt Thierry die Beerdigung verweigert, weil ihm der vor 
geraumer Zeit Verstorbene, ein friiherer Gast, noch die Zeche 
schuldig geblieben ist, ehrenvoll bestatten zu lassen. Nun aber 

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18 

sind alle Mittel des Helden erschopft. Seine einzige Hoffnung 
setzt er noch auf einen ihm gunstigen Ausgang eines Turnieres, 
das Konig Heinrich von Sicilien nach Montluisant ausrufen lasst, 
und dissen Preis kein geringerer sein soil als Reich und Hand 
seiner Tochter Florentine. Doch wer wird bei all dem festlichen 
Gepran,a» auf Lion, den armen, unbekannten Schelm achten? 

Mit dieser Situation beginnt der von mir behandelte Abschnitt. 

A 35 c ff., B 55 d ff., d45 ff. 86. Nach einer langeren Mahnung des Verfassers 
an seine Zuhtfrer, Ruhe zu halten und seinem trefflichen Werke ein recht 
aufmerk8ame8 Obr zu leihen, niraint die Erzahlung, wie folgt, ihren Fort- 
gang. — 37. Lion, arm und verlassen, tolgt den Rittern, die zum Turniere 
ziehen, da sendet ihm Gott einen Gefahrten, der vSllig in weiss gekleidet, 
von einem schneeweissen Pferde getragen wird. A 35 c 25 ff. Car plux blan 
fuit armez que lenne ne cotow Et cestoit bien montez desfsusj .1. aragon 
Je croy quan nulle terre millour ne trouait on Plux blan que nulle nege 
qui chieut en saison. Der Unbekannte bietet Lion seine Unterstiitzung im 
Turniere an, doch stellt er eine Bedingung: AllerGewinn soil zum SchTusse 
zu gleichen Teilen unter sie verteilt werden. Unser Held willigt in den Vertrag 
ein, nur die Kdnigstochter Florentine m6chte er, wenn es ihm beschieden 
sei, sie zu gewinnen, unter alien Umstanden sein eigen nennen. ^4 35c 51-5*2 
»La belle Florawtine dehors part metterait Mais a tous lautre auoir partir 
je vous larait. — 38. In den folgenden Versen berichtet uns A den Grund 
fur das Erschcinen des weissen Hitters. A 35 d 9-34 Als Lion im Gasthore 
des Wirtes Thiery sich aufhielt, gewahrte er im Ranch fange des Buuses 
einen Sack und in demselben die Leiche eines Ritters. Bald erluhr er 
vom Wirte selbst, was diese merkwiirdige Erscheinung zu bedeulen hatte. 
Vor Zeiten war ein Ritter in der Herberge Thierys zu Gaste, doch ereilte 
ihn der Tod, bevor es ihm mSglich war, seine Zeche zu bezahlen. Erziirnt 
fiber den Verlust der Summe versetzte der Glaubiger seinen Schuldner in 
die erwahnte seltsame Lage. Lion jammerte der Leichnam, er bezahlte 
dessen Schulden und liess ihn ehrenvoll bestatten. Der Geist des t'remden 
Ritters aber erwies sich jetzt erkenntlich, indem er mit der Zustimmung 
Gottes seinem Erl6ser zu Hilfe eilte. — 39. Lion und sein neuer tiefahrte 
machen sich auf den Weg. Alle, die den Jiingling mit der armseligen 
Rustung und dem missgestalteten Pferde erblicken, kOnnen sich des Spottelns 
nicht enthalten, aber Lions bescheiden tadelnde Antwort erntet ihm das 
Lob der besonnenen Ritterschaft. Doch selbst Florentine, die den armen 
Schelm seit dem ersten Augenblicke in ihr Herz geschlossen hat, bedauert 
ihn wegen seines arm lichen Aufzuges. 

40. Der Grund fur das Erscheinen des weissen Ritters wird in B nicht 
erwahnt. 

Das Turnier. A 36 a 14-38 d 34, B 57 a 23-65 b 39, d46b-49b20. 

A 36 a 1 4-36 b 37. 41. Auf einer Anhflhe lasst der Konig eine Standarte, 
geziert mit einem goldenen Leoparden, aufpflanzen und vertiindet, dass ein 
jeder, dem es gelange, das Ross des besiegten Gegners nach diesem Ziele 
zu fuhren, das Tier sein eigen nennen durfe. Florentine befiehlt darauf, 
das Horn Ollifant zu blasen zum Zeichen, dass das Turnier seinen Anfang 
nehmen solle A 36 a 34 Le tornoy commancerent Geneuois et Lombart. — 
42. Ein wilder Kampf entspinnt sich, bei dem der »filz lempcreour cui force 
estoit doblee« das Beste zu leisten scheint. Unser Held besiegt ihn, der 
weisse Ritter stosst ihn vom Pferde, und Lion eilt mit seiner Beute nach 
der Standarte. Freudestrahlend ruft Florentine, die dem Kampfe zuschaut, 
ihre Freundin Marie heran und deutet mit Stolz auf den siegreichen Ge- 



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liebten. Ein »quens auuergnais« (4 36 b 34) muss das Schicksal des Kaiser- 
sohnes teilen '). 

B 57 a 23 ff. 43. Der Kaisersohn besiegt den »filz au puissant due de Pauie«. 
Lion reitet ihm entgegen, sturzt unterwegs den Auvergner vom Rosse und 
schlagt darauf den Kaisersohn. Er besteigt das Ross des zuletzt Ge- 
dernutigten, und als das feurige Tier fiihlt, welch trefflichen Reiter es tr&gt, 
giebt es seine Freude dariiber durch rautiges Gebahren kund. 

A 36 b 38-36d 25. 44. Von der Mitte des Kauipfplatzes aus gewahrtLion 
den Sohn des K6nigs Ermin und den Erben von Ungarland, jeden besirebt, 
den Gegner zu werfen. Lion driingt sich zwischen beide, mit jedem Arme 
packt er einen, hebt sie gleichzeitig aus dem Sattel und schmettert beide 
zu Boden. Alle erstaunen uber die Heldenthat des jungen Mannes. — 
i4 36c. 45. Gegen eine Schar von Angreifern verteidigt sich unser Held mit 
fester Hand, auch der »roy de Tarse« muss ihm unterliegen. Die Barone nennen 
Lion und seinen Begleiter , den weissen Ritter, die wackersten Kampen des 
Tages und machen kein Hehl daraus, dass den beiden der Peis gebiihre. 
Florentine ist iibergliicklich und zeigt ihren 12 Jungfrauen frohlockend 
Lion, den Ritter, dessen Helm ».I. chaippelz de rose« (^4 36c 19) schmiickt, 
und alle stimmen ein in das Lob des Jiinglings. — A 36c 32-50. 46. Das 
n&chste Opfer seiner Gewandtheit und Kraft ist der »duc de Jenne«. 
A 36 d 3-4. Lion hat schliesslich eine solche Menge von Rossen erobert, 
dass er 4 Enappen zur Bewachung seiner Beute anstellt. ^4 36 d 5-19. Auch 
der alte Konig Heinrich von Sicilien preist den jungen kuhnen Recken. 
Der greise Herrscher ist zwar schon 100 Jahre alt oder inehr: »Mais aussi 
droit estoit sur le cheualz de pris Cum baicheler qui neust des an [a] que 
XXXVI*. 

£57d 36-59 b 33. 47. Statt des Konigsohnes von Tarsus wird der »filz 
au bow roy de Cartaige« genannt (B 58 a 40). — Der Preis der RUstigkeit 
Heinrichs feblt B, desgl. die Bemerkung uber die 4 Knappen. 

A 36d 26-37d 51. 48. Der »duc de Callabre« iiberfallt den »bon due Raymon*. 
Lion stent diesem bei und bewahrt ihn vor der Niederlage. Dafur stellt 
ihm Raymon Leib und Leben zur Vertugung. Der Herzog von Calabrien 
aber macht sich schnell wieder beritten. Er und eine Schar seiner Leute 
greifen Lion an, der durch die Uebermacht auf den Hals seines Pferdes 
niedergedruckt wird. In dieser Stellung wird er von Florentine bemerkt. 
Sie klagt und ruft den weissen Ritter, den Himmel um Hilfe an. Auch 
unser Held erinnert sich an die Geliebte, die Angst sie verlieren zu mQssen und 
die Liebe zu ihr starken seine Glieder, schnell richtet er sich auf, ergreift 
mit einem kraftigen Rucke das Ross des Herzogs und jagt damit dem Ziele 
zu. Florentine faltet die Hiinde zum Gebet und ist entzuckt von dem Ge- 
liebten , der am besten geeignet sei , ihr Konigreich zu verteidigen. — 
A 37 c. 49. Wahrend Lion das treffliche Pferd des besiegten Herzogs von 
Calabrien zur Standarte bringt, legt sich dieser in den Hinterhalt, um den 
ihm ini offenen Kampfe uberlegenen Gegner durch einen Ueberfall mit 
alien seinen Gesellen zu demiitigen. Unser Held kehrt vom Ziele zuriick 
und bemerkt mitFreuden seinen Todfeind, den »seneschault de Florance* 9 ), 
der ira Begriffe steht, ein dem Herzog Raymon entrissenes Pferd hinweg- 
zufuhren. »Halt, Seneschall, ruft Lion, ich will Euch jetzt dafiir bezahlen, 
dass Ihr mich in Euren Turm geworfen, um einen unbequemen Rivalen im 
Turniere los zu werden« ! Der Angerufene weiss, dass er Lion nicht ge- 
wachsen ist, giebt daher Fersengeld, und zwar wendet er sich gerade nach 



1) d 46 b 35 ff. erwahnt an Stelle des Auvergners 2 Ritter. 

2) Bereits wahrend Lions Aufenthalt in Monclin hatte ihm der Seneschall 
von Florenz einen argen Streich gespielt, vgl. d31aff. Das Verhaltnis beider 
wird auch klar aus der am Ende von 49 stehenden Erklai ung des Florentines. 

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dem Waldchen, in dem der Herzog von Calabrien ira Hinterhalte liegt. 
Kaum hat dieser den Jiingling erkannt, so bricht er hervor und greift ihn 
mit alien seinen Leuten an; er will Lion toten, da dieser ihn entehrt und 
den Besitz Florentines ihm unni8glich gemacht habe. Unser Held wehrt 
sich verzweifelt. Nach dem ersten der Angreifer schleudert er seinen Speer, 
dass er ihm die Riistung zerschellt und das Herz aus dem Leibe scblagt. 
Ergrimmt iiber den Tod eines seiner Ritter fordert der Herzog von Neuem 
auf, den Schurken zu t(5ten, und es ware diesmal sicher urn Lion geschehen 
gewesen, hiitte Jesus nicht den weissen Ritter zu Hilfe geschickt, der unter- 
sttitzt von Lions Knechte Ganor seinen Schutzbefohlenen befreit und zum 
Turnierplatze zuruckfiihrt. »Woher kommt der Schurke, der mich vom 
Rosse stiess, und wie heisst er?« schreit der Herzog in hochster Wut. 
437 d 49-51 Et dist li seneschault on lappelle Lion Cest le filz Bauduyn de 
Monclin le baron Qui ciet delez Florawce la citeit de renora. »Ich warf 
ihn in mein Gefangniss, aber mein rauberischer Turmwachter befreite ihn; 
beide entflohen und nahmen all mein Hab und Gut mit. Aber dafur 
muss Lion noch biissen* ! 

Bb9c 1-64 c 23. 50. Bevor Lion in den Kampf des Herzogs von Calabrien 
und Raymons eingreift, hat er mit dem letzteren zu turnieren. Lion bleibt 
nach erhitztem Kaiopfe Sieger. — 51. Zwischen die zweite Niederlage des 
Herzogs von Calabrien und die Verfolgung des Seneschalls hat B einen 
nouhraaligen Kampf mit dem schon besiegten Kaisersohne eingeschoben. 
Lions Gegner unterliegt und bricht in bittere Klagen aus iiber sein Un- 
gluck in der Liebe. Von Schmerz iibermannt vergiesst er Thranen und 
nennt den einen Thoren , der iiberhaupt mit der Minne sich abgiebt. 
J562b23 »Vela cest damour la nature A qui biew en prent il sen rit Qui 
en a mal on len gaudit Telles sont dam ours les faconsc. Nach diesem 
Selbstgesprache wirft er sich in den Sattel eines neuen Rosses und wie der 
Blitz stiirzt er in das dichteste Gedrange, um die erlittene Schmach wieder 
au8zumerzen. — 2?62d. 52. Der Seneschall auf der Flucht vor Lion will 
seinem Verfolger gem das von Raymon eroberte Ross iiberlassen, wenn er 
nur seiner Haut sicher sei , aber der Jiingling lasst sich auf keinen Kom- 
promiss ein, er will blutige Rache nehmen. 

-4 38a-d34. 53. Der Herzog von Calabrien beschliesst mit dem Seneschall 
von Florenz, Lion zu toten. 438 a 16-18. Maix trop muelx li venist quil 
fuit an Bezawson Que par Lion ot pues teille destruction Quil en perdit 
sa vie et sa grant region. — 54. Dann kehren die beiden zum Turniere 
zuriick. Die Rosse wiehern, die Herolde rufen laut, und indem sie den 
Rittern Florentine, den Preis des Turniers, als Krone aller Jungfrauen 

Ereisen , feuern sie zu den herrlichsten Thaten an. Keiner aber thut es 
ion gleich, den Ganor, sein treuer Knecht und der weisse Ritter unter- 
stiitzen. Unseren Helden preisen die Herolde als die »flour de cbeuaillerie* 
(^4 38b3), und als dieser einem jeden von ihnen ein Ross verspricht, kennen 
ihre Freude und ihre Lobpreisungen keine Grenzen. — A 38 b 29-30. 55. Der 
»riche due Raymon* kampft mit dem »despos de Romme« und siegt, da- 
gegen unterliegt er dreimal dem »prince de Tarawte*. Die 4 K6nigss8hne, 
der Nachkomme des Konigs Ermin, der Herzog von Jenne, alle leisten sie 
Grossartiges. ^m besten aber ficht der »vaissalz Lionc. Dem Fiirsten von 
Tarent entgeht dies nicht, er will hinter einem solch jugendlichen Bewerber 
nicht zuruckstehen und uberfallt Lion mit seiner Sippe. — 56. Schnell packt 
er ihn beim Helme, wahrend 5 seiner Leute Lions Ross ergreifen und ihn 
dann in die Hone zu heben versuchen. Aber unser Held schwingt sich 
behende hinten auf des Fiirsten Pferd, und der weisse Ritter wirft den 
Gegner zu Boden. Die Herolde preisen Lion abermals als die Blume der 
Ritterschaft, als den Brautigam der schonen Florentine. Sie hort die Worte 
und dankt dem Himmel. Marie begliickwunscht ihre Herrin. — 57. Florentine 
giebt dem Knechte Samson den Befehl, 2 Saumrosse mit Gold und Wert- 



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sachen ') zu beladen und dem Geliebten in seinen Gasthof zu bringen, damit 
die Ritter nicht auch fernerhin Lion wegen seiner Armut verspotteten. Der 
Wirt ist bocherfreut beim Anblick all der Kostbarkeiten. — Gern hatte der 
Fiirst von Tarent an seinem Demiitiger noch blutige Rache genommen, doch 
war sein Suchen nach ihin vergebens: Lion tumierte bis znm Anbruch des 
Abends mit dem Sohne des Kflnigs Ermin, ohne dass eine Entscheidung 
herbeigefuhrt wurde. — Florentine lasst das Horn Ollifant blasen, — das 
Turnier ist zu Ende. 

B 64 c24-65 b 39. 58. Motivierung und Verlauf des Kampfes zwischen Lion 
und dem Fursten von Tarent unterscheiden sich von A. Der Berzog von 
Culabrien und der Seneschall haben gescbworen, Lion umzubringen und 
kehren zum Turniere zuruck, da begegnet ibnen der Fiirst von Tarent, dem 
sie von ibrem unglucklichen Kampfe mit Lion erzablen. »Ein Viertel meines 
Landes will ich verlieren, spricht der Fiirst, wenn icb den Kerl nicht zu 
Boden werfec »Wahrlich , antwortet der Herzog, wenn Ihr Lion aus dem 
Sattel hebt, dann sollt Ihr den Preis erhalten, denn noch keiner hat es ihm 
bis jetzt gleich gethan«. Der Kampf beginnt, Lion bleibt Sieger. Als nun 
der Herzog den Fursten an der Erde liegen sieht, ruft er ihn laut an : 

B 65 a 31-35 » beau cousin Auez vows conquiz le roussin De Lyon si le 

voullez vendre Cent marcz dor saws le vim cowiprendre Vous en donray a 
vne foys«. Als der Fiirst die SpQttereien des Herzogs h6rt, ist er um eine 
passende Antwort nicht verlegen: £65a40-b3 »Mocqwer ne vows debuez de 
moy Quand vous soixantieme et plus Lyon a renduz tout confuz Howte y 
auez plus que nay cy«. — 59. Von dem resultatlosen Kampfe Lions mit 
dem Sohne des K6nigs Ermin wird in B nichts berichtet. 

Lion zeigt sich der Geliebten. ^138d35-39a7, d49b21-35. 

60. Die Ritter verlassen den Turnierplatz, um sich vor Florentine zu 
zeigen. Sie aber begehrt nur Lion zu sehen, und als sie den weissen Ritter 
erblickt, weiss sie, dass der Geliebte auch nicht mehr feme weilt. Mit 
liebendem Blicke verfolgt sie den Geliebten, wagt aber nicht ihn anzureden, 
und leise spricht sie vor sich hin, er sei der Edetete und Tapferste, er allein 
konne ihr Gemahl werden. 

B 65 b 40-66 a 19. 61. B hat diese Scene weiter ausgesponnen und zu 
einem Excurse fiber die Herkunft Lions benutzt. Bei seiner Ankunft wird 
Florentine vor Liebe ohnmacbtig; Marie griisst ihn an ihrer Herrin Statt. 
Lion aber versteht Florentinens Benehmen falsch und geht traurig fiber 
ihre Gleichgiiltigkeit weg. Ganor bemerkt die Missstimmung seines Herrn 
und sieht ihm ins Herz; auch erkennt er die Grunde fur das sonderbare 
Verhalten Florentinens und sucht sie Lion klar zu machen. Der aber glaubt 
nicht seinen Worten , da er doch der Geringste sei unter vielen anderen 
Bewerbern. Da erflffnet ihm Ganof , dass er mit nichten niederer Abkunft 
sei. 566 a 1-10. Point nest de vous plus noble prince Tant tienne royaulme 
ou prouince Car vous estes filz souuerain De Harpin noble due haultain 
Et dAlis la dame plus noble Qui soit jusqwe en Cowstantinoble. Les 
nobles douze pers de France Sont tous de wostre appartenance En France 
na barow si grand De qui vous ne soyez parent. — 62. Bei der Erinnerung 
an seine Eltern bricht Lion in Thranen aus und hoft't, sie eines Tages 
wiederzufinden. 

Das Bankett. 439a8-c41, d49c-50a36. 
63. Lion lasst verktinden, dass er am Abend ein Gastmahl abhalten 
wolle, zu dem Ritter unci Knechte, Hoch and Niedrig gleichen Zutritt hatten. 
Alle Bewerber nehmen die Einladung an ausser dem Herzog von Calabrien 



1) Nach d49a29ff. ein Eimer Goldes im Werte von 4000 Mark. 



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und dem Fiirsten von Tarent, die noch 2 Herzoge und 4 Grafen fur einen 
Anschlag gegen Lion gewinnen. Wenn sie den Jungling in ihre Gewalt 
bekommen ktmnen, dann soil er am Strange sterben. — -4 39b Das Gelage 
nahm einen wurdigen Verlauf: Kapaunen und anderes Gefliigel, alte Weine 
und feine Gerichte wurden den Gasten vorgesetzt. Ausser Lion, Raymon 
und dem Kaisersohn waren anwesend: Grafen, Fiirsten und 400 Ritter mit 
ihren Knechten. — Alles war in Festesstiminung, nur der weisse Ritter 
nahm nach Gottes Gebot nicht am Mahle teil. Er zog sich unter dem 
Vorwande, von des Tages Last und Miihen ausruben zu miissen, in die Ein- 
samkeit zuriick. — Einem jeden seiner Gaste lasst Lion obendrein noch ein 
kostbares Geschenk uberreichen, und alle wundern sich iiber die Wohl- 
habenheit des friiher so armen Ritters. Aber trotz alledem mochten die 
Barone Lion nicht zum Konig haben. A 39 c 32-37. Car pais naffiert a nous 
dawie de tel lignie Car en uoms se tanroit assez mal anploye Trop plux 
tost sadonroit au fort roy de Honguerie Cilz de Constantinoble ou cil de 
Rommenie Ou au due de Callabre si y aroit aye flonnour de povre gens 
est poc auctorisie. 

B 66 a 20-66 d 22. 64. Als Lion den weissen Ritter wegen seines Fern- 
bleibens vom Gastmahle zur Rede stellt, offenbart ihm dieser das Geheimnis 
seines Wesens und erzahlt die Geschichte, welche wir schon von A 35 d (38) 
aus dem Munde des Verfassers kennen. 

Beratung der Schiedsjungfrauen, wer der Held des Tages 
gewesensei; Entscheidung der Frage. A 39c 42-41 d 9, d 50 a 36-53 a 4. 
65. Nach der Mahlzeit zieht sich Florentine mit den 12 Jungfrauen in 
ihre Kammer zuriick. Sie sollen entscheiden, wer am besten im Turniere 
bestanden habe, ihm ist der Preis, die Hand der Florentine und die An- 
wartschaft auf das Konigreich Sicilien beschieden. Vor der Entscheidung 
aber sucht Florentine noch einmal ihren Vater auf und beschwSrt ihn, seine 
Meinung ohne Hehl und Riicksicht auf Adel oder Reichtum der Bewerber 
ihr mitzuteilen. Der Konig spricht sich in den lobendsten Worten fur Lion 
aus, und Florentine beauftragt sofort einen Knappen, dem Geliebten die 
Erklarung des Vaters zu iiberbringen. Der Bote trifft Lion in der frohen 
Gesellscbaft der Gaste an; er erhalt ein Ross zum Lohne fur die freudige 
Botschatt. Froh kehrt er zu Florentine zuriick und preist den Edelmut und 
die Freigebigkeit ihres Brautigams. .4 40 a 46-47. Dun biaulz destrier cor- 
rawt me vint faire present Ne lou donroie mie pour .C. librez dergens. 
Florentine schenkt dem Boten ihrerseits wieder ihren Giirtel und eine gold- 
gespickte B5rse '). — 66. Dann begiebt sich Florentine zu den 12 Jung- 
frauen, und man beginnt die Frage zu erOrtern , wer der wiirdigste Karape 
des Turniers gewesen sei. Marie stimmt fur Lion, den Ritter mit dem 
Rosenkranz. »Vne aultre pucelle« schlagt den Herrscher von Constantinoble 
als Gemahl der Florentine vor, ein armer Schlucker wie Lion sei einer 
KSnigstochter unwiirdig. Darauf aber entgegnet Florentine, sie sei ja selbst 
mit irdischen Gutern reich gesegnet. A 40 b 42-44. Se voroie qui fuit vsaige de 
samer Con fesist riche damme J. povre homme donner Ensemewt ne poroit 
la chose mal aller. »Genoiure de Callabre« will von dem Sohn des Kaisers 
von Constantinopel nichts wissen , sie bezeichnet den »duc de Callabre* als 
die Blume der Ritterschaft. Graciewne mQchte dem »prince de Tara«te« 
den Ruhm und Preis des Turniers zuerkennen. Marie aber halt entrustet 
beiden Damen entgegen , dass sowohl der Herzog von Calabrien als auch 
der Furst von Tarent von Lion und dem weissen Ritter niedergestossen 
worden seien. Sie nennt die Jungfrauen bei Namen. A 41 a 14-15. »Gra- 



1) Nach d 50 c 14 If. erhalt der Bote (Samson) von Low ein Ross und 
100 Pfund, wahrend Florentinens Geschenk unerwahnt bleibt. Es ist dies 
jedenfalls eine Entstellung der Lesart von A. 



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23 

cienne et Genoivre appellait par doulsour Be[a]triB et [I]dain a la fresche 
collourc und fordert sie auf, bei der Abstimmung ja gewissenhaft zu ver- 
fahren, nicht nach Reichtum und Abstammung, sondern allein nach den 
Leistungen im Turniere zu urteilen. — 67. Die Abstiiniiiung ergiebt fol- 
gendes Resultat: Lion erhalt 4 Stimmen 1 ), die der Florentine, Marie, 
E»clamarde (A 41 a 4H) und einer »cosine Florawtine* 9 ). Von den ubrigen 9 
stimmt fiir den Fiirsten von Tarent: Graciewne mit dreien, fur den Herzog 
von Calabrien: Genoivre ebenfalls mit dreien, und eine 9te fiir den K5nig 
von Dngarn. — Die ganze Nacht blieben die Jungfrauen zusammen, um 
eine Einigung herbeizuftihren , aber eine jede suchte nur ihren Standpunkt 
zu rechtfertigen, und Florentine klagte fiber des Schicksals Tiicke. -4 41c. 
Schon graut der Morgen, da macbt Florentine den Vorschlag, dem Vater, 
der sich doch am beaten ein Urteil fiber das Turnier bilden k8nne, die Ent- 
scheidung anheirnzustellen. Alle gehen darauf ein und begeben sich zum 
Bette des Konigs, der gerade im Begriffe ist aufzustehen. Er denkt, man 
wolle ihm das Urteil mitteilen, docb Florentine klart ihn fiber die Lage der 
Dinge auf, und der Vater entscheidet sich, wie vorauszusehen war, fur Lion. 
2?66d23-71c2. 68. Lions Botengeschenk besteht aus einem Mantel, 
einem Giirtel und 100 Pfund, Florentine lasst den Boten leer ausgehen. — 
69. Samtliche Jungfrauen werden bei Namen genannt: 2? 67 d 35-68 a 6 : 
»Tout premier la belle au cler viz Presidoit cestoit Florentine Et puis Marie 
sa cousine Genefure de Callabre aussi Constance et Blancharde dArcy Gra- 
ciewne fille dOthon Auec Clarisse dArragon Rose et la belle Alexandrine 
Galienne Blanche et Ermine Ces douze pucelles sans plus Seullement par 
propos concludz Debuoyent rendre le jugement. — 70. Das Ergebnis der 
Abstimmung ist ein anderes als in A: Gamier, der Herzog von Calabrien, 
erhalt 4 Stimmen, der Kaisersohn 3, der Ffirst von Tarent 3. Lion wahlen 
nur Florentine und Marie. — 71. Nachdem Florentine dem Geliebten den 
Spruch des Konigs hat fiberbringen lassen, begiebt sich unser Held zum 
weissen Ritter, um ihm sein Glfick raitzuteilen. Der Geist ermahnt ihn, 
Gott zu danken und sein Herz vor Weltlust zu bewahren. 4 71 b 39 -c 2. 
Lyow sen alia reposer Le blanc cheuaMer ceste nuyt Comme vng escler 
sesuanouit Et alia dont estoit venu. 

Lion erhalt den Turnierpreisj Verschworung gegen ihn. 
A 41 d 10-43 d 21. d 53 a 4-55 b 25. 

72. DerKonig lasst wie znm Kampfe rfisten, um etwaigen Ruhestorungen 
vorbeugen zu kQnnen. Genoivre aber ist inzwischen nicht mfissig, sie schickt 
ihrem Vetter, dem Herzog von Calabrien, die Botschaft, Lion sei zum Sieger 
des Turniers auserkoren, seine Hochzeit mit Florentine solle schon am 
nachsten Tage stattfinden. Der Ffirst von Tarent will auf diese Nachricht 
hin sogleich mit der Waffe einschreiten , aber der Herzog halt ihn da von 
zuruck, indem er ihm seine Absicht mitteilt, die Jungfrau nach Calabrien 
zu entffihren. Sofort bittet er brieflich seine Cousine, Florentine ihm bei 
Tag oder Nacht in die Hand zu liefern. Genoivre billigt den Plan. Sie 
giebt ihm die Weisung, am Abend in der Nahe des Schlosses sich versteckt 
zu halten, daruit sie ihn zur passenden Stunde einlassen k6nne. — 73. Die 
Verleihung des Preises wird mit grossem Pomp begangen. Nachdem alle 
Ritter sich versammelt haben, dankt ihnen der Konig fur ihr Erscheinen. 
Nach langem vergeblichen Suchen nimmt er Lion wanr, schreitet auf ihn 
zu, und indem er ihm eine goldene Krone aufs Haupt setzt, ernennt er ihn 
zum Erben aller seiner Habe und zum Brautigam der Florentine. — 74. Da- 
nach veranstaltet der Konig ein Gastmahl, an dem mancher wackere Degen 



1) Nach d 52c Iff. fiir Lion 5 Stimmen. 

2) d 52c 3. Nichte der Florentine. 



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24 

teilnimmt. Lion aber und Florentine ziehen sich zuruck, urn ihrer Liebe 
allein zu leben. Wiissten sie, wie schwere Leiden ihnen ihre Feinde noci 
bereiten werden ! Nach der Tafel kehren viele Ritter in ihre Heimat zuruck, 
400 aber schliessen sich dem Herzog von Calabrien an und wollen Lion zi 
Grunde richten. — Das Liebespaar sitzt beim Schach. Genoivre sieht deD 
Spiele zu und spricht leise: 4 43 c 6 Huy mais toute jour vow* poues [vous] 
devoier Mais demain vous ferait teillement eslongier Que toute la coille[te) 
qui est or a taillier Ne vous racouureroit en vng an tout en tier — Liebes- 
scene. — Erst gegen Abend trennen sich Lion und Florentine. — A 43 c 
75. Der Ktinig beschliesst, mit seiner Tochter das »caistel hors de la fer- 
meteit* zu beziehen, wahrend Lion im Palast bleibe. Die Hochzeit soil am 
fruhen Morgen stattfinden. Lion erklart sich mit alien Yorschlagen des 
Ktinigs einverstanden. Vater und Tochter verlassen den Palast, eine Strecke 
weit begleitet von Lion, der nach herzlichem Abschiede den Ruckweg an- 
tritt. — Wiederholter Hinweis auf die diistere Zukuntt der beiden Liebendea. 
B 71 c 3 - 73 d 8. 76. B 73 b 3-6 werden die Gerichte der Tafel aufgezahlt : 
La furent seruiz de viandes Fort delicattes et friandes De sigoingnes pacts 
grues et signes Et plusieurs aultres sauuagines. — 77. Wahrend der Mahl- 
zeit ereignet sich eine B eigentumliche Episode : Lion und Florentine kosen mit 
einander und vergessen dabei ganz das Essen und Trinken. Der K5nig merkt es 
und mahnt seinen Schwiegersohn, auch den Speisen und*Getranken seine Auf- 
merksamkeit zu erweisen. Lion entschuldigt sein Benehmen mit den Worten : 
B 73 b 24-39: » Amour me met en desarroy Pardonnez moy car ce scay bien 
Que jay t'ailly a mow maintien Qui siet a table il doit reppaistre Ainsi 
com me mapprist mon maistre Baudouin qui est en leglise Doibt prier dieu 
cest la deuise Et au lict nul ne doit gesir Si non pour en celuy dormir 
Et accoller sa doulce amye Qui dicelle aura la coppie Baudouyn tout cela 
mapprist Mon en ten dement le comprist Maiz sen ce cas ay follie* Je lay 
par amours oublie Qui a ses jeunes gentz maistrisec. Der ECnig schliesst 
aus diesen Worten, dass Lion von hoher Abkunft sei. — 78. Unser Held 
bezieht nicht wie in A das Schloss, sondern seine kSniglich eingerichtete 
Wohnung im Hause des Thierry. 

Die Forderung des Geistes. A 43 d 22-44 c 20. d 55 b 26-56 b 16. 
79. Der weisse Ritter kehrt mit Lion zum Palaste zuruck und erklart 
ihm, dass er nun nach glucklicher Beendigung des Turniers auch das Ver- 
sprechen verwirklicht sehen wolle : A 43 d 35-42 Et vuelt sauoir comment 
se il vous viewt en grez Nows [i]rons nows gaiaing partir et desseurer Se 
vous auez la da/wme auoir vuelz lireteir Et sarait la pucelle se vows (aues 
le) [volez] rewgner Nan pranderoie mains .1. denier monnoie'z Se ceu ne 
vollez taire que jirait deuiser Enver vous arait guerre ausi lait en pancer 
Maintenawt vuelt combaitre car jan ait vollanteit. Lion sucht den Geist eu 
beruhigen, er wolle ja aut* alles verzichten ausser der Braut, die ihm uner- 
8etzlich sei, wahrend er sich ein Konigreich wiedererobern konne. AIs der 
weisse Ritter den biederen Sinn seines Schutzbefohlenen wahrnimmt, giebt 
er sich zu erkennen und verzichtet damit auf jeglichen Besitz. Hier er- 
tahren wir die Geschichte des Geistes aus seinem eigenen Munde. Dann 
nimmt er Abschied von Lion und mahnt ihn, immer auf Gott zu vertrauen, 
nur dann k8nne er den Gefahren trotzen , die er noch zu bestehen habe, 
bevor er mit Vater und Mutter vereinigt wiirde. Bei den letzten Worten 
des Toten ist Lion andachtig auf die Kniee gesunken. — 80. Den Thierry 
ernennt Lion zu seinem Kammerer, auch die Frau des Wirtes wird reich 
belohnt. Seinen Pflegevater Baudouin de Montclin entbietet Lion nach 
Montluisant, damit er das Gluck des Sohnes teilen konne '). 



1) <Z56al8f. fugt hinzu: »das seidene Tiichlein, in dem er (Lion) ge- 
funden worden, moge er mitbringenc 



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B. 81. Die Forderung des Geistes am Erffillung des Paktes, sowie alle 
daraus entstehenden Konsequenzen fehlen in B. 

Lions Traum. ^44c21— d8. B 73d 9-38. d 56b 16-30. 

82. In der Nacht hat Lion einen bosen Traum : »Ein gewaltiger Greif 
fliegt auf ihn zu und hackt ihm Zahne und Augen aus; da kommt dem 
Ritter eine weisse Taube zu Hiife, der es nur niit Miihe gelingt, den Greifen 
von weiteren Grausamkeiten abzuhalten*. Lion erwacht entsetzt und fleht 
zur heiligen Jungfrau, die drohende Gefahr gnadigst abzuwenden. — Hin- 
weis auf den ferneren Verlauf des Romans, der noch von manchem Miss- 
geschicke Lions zu berichten hat. 

Florentinens Traum sowie die falsche Deutung d esse 1 ben durch 
Genoivre werden nur in B berichtet: B 73d 39-74 cl. 

83. Von Florentinens Hunden wird plGtzlich einer toll, stfirzt sich auf 
die Herrin und frisst ihr Arme und Fiisse ab. Um mehr Musse beim Frasse 
zu haben, hebt er sich in die Lufte und wird hierbei von freraden Hunden 
unterstutzt, die die Dame arg zurichten. Da erscheint Lion in Monchs- 
gewand und befreit die Geliebte. Nun aber wird Lion von dem tollen 
Hunde der Florentine angefallen, das Leben des Geliebten ist gefahrdet — * 
da erwacht die Jungfrau. — 84. Auslegung des Traumes durch Geneure: 
»Die Deutung ist leicht: Unter den Hunden sind die Tiirken zu verstehen, 
sie werden in kurzer Zeit in Euer Reich einfallen, aber Lions Tfichtigkeit 
wird sie deniutigen und zwingen, erziirnt abzuziehen«. Florentine giebt 
sich mit dieser Erklarung zufrieden. 

Die Entfuhrung der Braut. .4 44d9-46d 22. d56c-59b21. 

85. Genoiure verharrt wachend ira Gemache der schlafenden Florentine. 
Urn Mitternacht bei hellem Mondenschein weckt sie die Dame, die, im 
Glauben es sei schon heller Tag, den Worten der Verraterin traut. Unter- 
dessen haben sich die 3 Verscnworenen in der Nahe des Schlosses einge- 
funden. Genoivre verlasst Florentine, und indem sie dem Pfortner vorspiegelt, 
eine Liebesbotschaft ihrer Herrin an Lion iiberbringen zu miissen, erhalt sie 
Erlaubnis , die Pforte zu passieren. Dann teilt sie ihren Eomplizen mit, 
dass der Streich ausgefuhrt werden kfinne. — 86. Die Verrater dringen ein, 
der Herzog sucht Florentine erst durch gute Worte zu bewe^en, auf den 
armen Lion zu verzichten ; als er aber sieht, dass er tauben Ohren predigt, 
fordert er seine Leute auf, die Dame gewaltsam zu entfuhren. Er selbst 
t5tet den PtGrtner, der ihm ein unangenehmer Zeuge hatte werden k8nnen, 
und die Rauber ergreifen mit ihrer Beute die Fluent. Der Turmwachter 
erkennt den Herzog von Calabrien: A 45c 48 ».XII. ans lauoit scruis dedew 
Rege ') la grant* , st8sst in sein Horn und verkiindet die Entfiihrung der 
Prinzessin. — 87. Der Konig wappnet sich und schickt einen Boten nach 
Montluisant, um Lion die Schreckenskunde zu iibermitteln. Lion ist in 
tiefen Scblaf versunken und der Bote mu^s lange und heftig an der Thiire 
klopfen, ehe der Schlafer erwacht. Als der Jiingling die Kunde vernimmt, 
sieht er seinen schlimmen Traum in Eriullung gehen; inbriinstig betet er 
zur Mutter Gottes, die sein Flehen erhOrt und den weissen Ritter ihm zu 
Hilfe schickt. Garnot und Thierry bringen unserem Helden schnell die 
Waften, Herzog Raymon und viele Burger schliessen sich Lion an, der mit 
seinem Hauflein dem Heere des Konigs um eine betrachtliche Strecke vor- 
ausreitet. — 88. Herzog Garnier ahnt , dass man ihm folge, und da er sich 
von dem Ausgange einer Schlacht nichts Gutes verspricht, giebt er seinem 
Bastardbruder den Auftrag, Florentine und Geneure in der Begleitung von 
70 Rittern nach seiner Festung Rige zu bringen. Noch einmal versuchen 



1) Rege wohl gleich Regium-Reggio. 



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der Herzog und seine Cousine, Florentine von Lion abspenstig zu machen, 
aber weder ihr Zureden noch sein Zorn machen die Jungfrau in ihrer Treue 
wankelmutig. So wird sie denn, verzweifelnd an ibrein Glucke, von dem 
Bastard, der am die Verfolger irre zu leiten, die unwegsamsten Gegenden 
durcheilt, nacb Rige entfiihrt, wo Clarisse, Garniers Sch wester, ihre Ankunft 
erwartet. 

B 74 c 2 - 76 d 7. 89. Geneure tauscht den Pfortner dadurch, dass sie die 
Ri'e begleitenden Personen fur Lion und seine Genossen ausgiebt. Auf 
Veranlassung seiner Cousine tfttet der Herzog den Portier. J? 75 b. Beim 
Anblick des Herzogs erkennt Florentine die wahre Bedeutung ihres Traumes. 
90. Marie stfest bei der Entfuhrung einen lauten Scbrei aus; hierdurch 
wird der Wachter auf den Vorgang aufmerksam; von einer Bekanntschaft 
des W&chters niit dem Herzog ist iedoch nicht die Rede. B 11 a 3. Der 
Bastardbruder des Herzogs wird Galleran genannt. 

Die Schlacht. -446d 23-47c26. d59b22-59d. 

91. Lion und der weisse Ritter haben das Heer der Calabrer bald ein- 
gebolt. Nach kurzem Gebete sprengen sie in die Schar der Feinde. Der 
Herzog macht dem Fursten von Tarent und dem Seneschall den Vorschlag, 
die Flucht nacb seiner festen, von Sumpfen umgebenen Burg Monterose zu 
ergreifen, aber die beiden ziehen denKampf vor. Vor Lion und des weisaen 
Ritters Streichen weicht alles zuriick: A 47 a 17-20 »Cez deux en abaitirent 
adont bien XXIII Ensois que de Sezille y venist li boin roy Ne li boin 
due Raymon ne Gorno ne Geuffroy Ne Thiery li bon oste qua Lion fuit 
cortoy*. Auch die Verrater wehren sich wacker ihrer Haut. Der Furst von 
Tarent tfltet einen Ritter »Guion de la vallee* und der Herzog von Calabrien 
raubt uianchem Sicilier das Leben, aber in einen Kauipf mit Lion hat ten 
sich alle 3 Verschworenen um keinen Preis eingelassen. — A Al b. 92. So- 
eben hat Lion einen Ritter namens Fedris, einen Vertrauten des Herzogs 
uberwunden und will ihm gerade den Todesstoss geben, da fleht ihn der 
Besiegte um Gnade an, und Lion versichert ihn seines Lebens unter der 
Bedingung, dass er den Aufenthaltsort der Florentine wahrheitsgetreu nenne. 
Der Ritter gesteht in seiner Todesangst, das? der Bastard sie nach Sch loss 
Rege gefubrt habe. Da klagt Lion und halt die Geliebte fur ewig verloren, 
um so heftiger aber haut er auf die Feinde ein. — 93. Von 1500 Calabrern 
sind nur noch 100 am Leben. Die 3 Verrater sehen ein, dass es jetzt an 
der Zeit ist zu fliehen und suchen in eiligetn Ritte das nahegelegene Mon- 
terose zu gewinnen. A 47 c. Lion und der weisse Ritter folgen lhnen auf 
dem Fusse, und ware nicht zufallig die Schlosspforte geflffnet gewesen, die 
Fluchtigen batten sicherlich ihr Haupt eingebusst. Noch gelingt es unserem 
Helden, dem Herzog einen Streich zu versetzen, der ihn innerhalb der Mauer 
zu Falle brachte. Gleich hinter den Verriitern aber schloss sich die Pforte. 

B76d8-77c40. 94. Die Scene vor Monterose ist etwas anders dar- 
gestellt als in A. Der Herzog erreicht die Briicke, Lion holt ihn ein und 
fuhrt einen t'urchtbaren Streich nach ihm, der aber nur dem Rosse den 
Kopf vom Rumpte trennt. Gamier ist anfangs verwirrt, tritt aber auf den 
Anruf des Fiirsten von Tarent mit diesem in das Schloss ein. Der Seneschall, 
der einen ungeheuren Respekt vor Lion9 Hieben empfindet, hat schon vorher 
seine Person in Sicherheit gebracht, und als er nun wahrnimmt, dass auch 
seine Freunde innerhalb der Schlossmauer geborgen sind, zieht er schnell 
die Zugbrucke empor und macht auf diese Weise Lion das Eindringen un- 
moglich. 

Belagerung von Monterose. <447c27-d39. <260a-60cl8. 

95. Die Belagerten sehen ein, dass bei den geringen Vorraten im Schlosse 
sie dem Sturme der Belagerer auf die Dauer nicht Stand halten k5nnen. 
Auf den Rat des Fursten von Tarent schickt daher der Herzog einen Boten 



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zu seiner Schwester Clarisse und seinem Bastardbruder nach Rege mit der 
Bitte um Beistand. — 96. Der Angriff der Beiagerer beginnt, mit Erde und 
Bauuistaminen suchen sie die Griiben zu fullen, wahrend die Verteidiger 
Steine von der Mauer schleudern. Der erste Angriff ist erfolglos, und Lion 
verspricht dem , der den Herzog in seine Hande liefere , eine furstliche Be- 
lohnung, aber keiner der Feinde erklart sich dazu bereit. Der Sturm wird 
wiederholt, doch aucb diesmal gelingt es den Belagern nicht, in dieFestung 
einzudringen , denn im Schlosse sind 80 Mann Besatzung, die Armbrust- 
scbiitzen ') thun ihre voile Schuldigkeit und auch die ubrigen bringen den 
Feinden grosse Verluste bei. Dazu ist die Festung mit Weihern und Morasten 
umgeben, und in den Schlossgraben befinden sicb gefahrliche Lflcher, die 
einen Angriff gewaltig erschweren. Der Anbruch der Nacht setzt dem un- 
entschiedenen Kampf ein Ziel. 

B 77 d 1-24. 97. Entgegen A haben die Sicilier aus dem Grunde keinen 
Erfolg, weil da9 Scbloss reichlicb mit Proviant versehen ist. — 98. Dass 
der Herzog einen Boten nach Rege absendet, wird nicht berichtet, doch 
muss dies auf einer Nachlassigkeit in B beruhen, da es 1*78 a 36-38 heisst: 
(Clarisse, Florentine, Marie und Geneure sitzen auf Schloss Rege gerade 
bei der Tafel, Florentine ist betrftbt und will nicht essen noch trinken.) 
»Tant que pour faire brief et court Descendit en la basse court Du pallays 
vng grant messaiger*. — Die Einzelheiten des Angriffs und der Verteidigung 
fehlen in B. 

Florentinens Gefangenschaft in Rege, ihre List. 

A 47 d 40-49c 34. d 6(rcl9-62b 21. 99. Der Bastard kommt mit Florentine, 
Marie und Genoivre auf Schloss Rege an. Clarisse begrusst sie, erkundigt 
sich. nach dem Ausgange des Turniers, und, die stattliche Dame auf hohem 
Rosse erblickend, fragt sie, ob es Florentine sei. Die Jungfrau antwortet 
selbst zustimmend, schmaht den Herzog und seine bosartige Cousine, preist 
dagegen Lion als den schQnsten und edelsten aller Manner. Clarisse fiihrt 
der Jungfrau vor Augen, dass sie nunmehr Konigin 9 ) von Calabrien wurde, 
dass sie zu Gunsten Garni ers auf Lion verzichten miisse. Wiederholter 
Preis Lions. — 100. Die iiberschwanglichen Lobreden auf den scho'nen Un- 
bekannten erzeugen in Clarisse eine machtige Neigung zu ihm. Ware er 
ihr anvertraut, sie wollte ihn mit den Banden der Liebe gefangen halten. 
A 48b. Man setzt sich zu Tische, aber Florentine verschmaht Speise und 
Trank. — 101. Da erscheint der Bote des Herzogs, griisst Clarisse und ent- 
ledigt 9ich seines Auftrags. Als Florentine von der Niederlage ihres Ent- 
fuhrer8 h6rt, wird sie wieder freudigen Mutes: A 48c 2-3. »A boire et 
a maingier vistement cowmansait Plux que nulz de la tauble a celle houre 
mewgaiu. Clarisse tadelt Florentine wegen ihrer Schadenfreude, doch will 
sie bald eine Wendung des Kriegsgluckes herbeifuhren. Alle Wehrpflichtigen 
des Landes bietet sie auf, um dem Herzog Hilfe zu leisten. Bald ist auch 
ein stattliches Heer bei Rege versammelt, dessen Fiihrung der Bastard iiber- 
nimmt. — Florentine betet fur den Geliebten, da tritt ein Pilgersmann in 
den Saal. Er erzahlt zwar A 48c 48, »Quil venoit du sepulcre par delez le 
marine, auch verschwort er sich hoch und teuer, seine Pilgerfahrt habe ihn 
geliihrt: A 48 d 1-2. »Sur le mont de Caluaire ou dieu por nous destin 
Ressut mort en la croix par la gens beduyn«, zwar giebt er vor, erst 
kiirzlich habe er mit seinem »bourdon« das heilige Grab beriihrt, A 48 c 49 
»Maix oncque en sa vie nauoit paisser le rin«, er ist ein »faulx palmier*. — 
102. Florentine macht die Liebe erfinderisch. Wahrend Clarisse dem Bettler 
nur einen esterlin giebt, driickt sie ihm einen Gulden in die Hand und 
fordert ihn leise auf, am Morgen des nachsten Tages wiederzukommen , es 



1) d60c5 giebt ihre Zahl auf 34 an. - 2) Nach d60d7 Herzogin. 



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werde ihm dann ein ausserordentliches Geschenk zu Teil, nur musse er fiber 
ihre Handlungsweise unbedingtes Stillschweigen bewahren. Der Pilgrim 
geht bereitwilligst auf den Plan der Jungfrau ein, begiebt sich stracks 
2f48dl9 »en la taverne au vin« und zecht dort die ganze Nacht hindurch. 
— 103. In fruher Morgeustunde kehrt er zura Schlosse zuruck und erhalt 
von Florentine einen Brief an den Geliebten, dazn zur Belohnung 20 ') Gulden. 
Ihre Gefangenschaft , so besagt der Inhalt, sei ja milde, trotzdem mflge 
sich Lion Muhe geben, sie zu befreien. Dem ScnOnsten der Sicilier, Lion 
genannt, solle der Pilgersmann den Brief fiberreichen, 30 Gulden oder mebr 
seien ihm als Botenlohn sicher. Nachdem der Pilgrim sein ganzes Geld bis 
auf einen Gulden in der Wirtschaft verprasst hat, macht er sich auf den 
Weg nach Monterose. — 104. Von den Wachen ergriffen, bringt man ihn 
vor Lion, dem er den Brief iibermittelt. Unser Held liest ihn, und die 
bittenden Worte der Geliebten reifen in ihm den Entschluss, nach Rege zu 
ziehen, um sie samt ihrer Freundin Marie zu befreien, koste es auch sein 
Leben. 

B 11 d 25-80 c 34. 105. Der Bote des Herzogs an Clarisse bedient sich 
in seinem Berichte der allegorischen Darstellung: J3 78b9ff. »Scauoir vows 
faict (Gamier) en brief langaige Que vng lyon cruel et sauluaige Est issu 
du boys par grand ire Pour le dommaiger et destruire Encloz est dedans 
Monterose « etc. Clarisse versteht nicht den Sinn dieser Worte und erhalt 
folgende Erklarung. B 78 b 26-29. »Madame cest vng lyon fier Diet le mes- 
saiger pour tout vray Celuy conquesta le tournay Auec la belle Florentinec 
Lion schenkt dem Pilger 100 Dukaten. 

Lion wandert im Pilgergewand nach Rege; seine Gefangen- 

n e h m u n g. 

^49c35-52b42. d62b21-65b. 106. Lion bittet den Pilger, ihm sein Gewand 
zu iiberlassen. Aber der Mann weigert sich entschieden, denn mit dem Ver- 
luste des Biissergewandes versieche ihm jegliche Einnahmequelle. Endlich, 
als man ihm 30 Gulden bietet, willigt der Bettler ein. Der Jungling kleidet 
sich mit der ihm so ungewohnten Tracht; A 50a 16 Derremewt fait frotter 
son vis et sa fesson, und nachdem ihm der Pilger noch verschiedene Unter- 
weipungen in der Rolle des »truantc gegeben hat, lasst er den Mann in 
Ketten legen, um vor seiner Schwatzhaftigkeit sicher zu sein. Nun begiebt 
er sich zu Garno, und sein treuer Knecht versichert ihm, dass er ganz un- 
kenntlich sei. Auch den K8nig halt unser Held zuin Narren. Heinrich 
kommt gerade hub der Messe, als Lion sich ihm in den Weg wirft und um 
ein Almo8en bittet. Der Konig will ihm einen Gulden schenken, aber Lion 
weist ihn stolz zuruck. Erzurnt erhebt der Konig den Stock gegen seinen 
Schwiegersohn, da fallen ihm Garno und der weisse Ritter in den Arm und 
erklaren ihm den Scherz. — Lions Entschluss nach Rege zu ziehen ist un- 
erschfitterlich ; weder des K6nigs und Ganors Flehen noch die warnenden 
Mabnungen des weissen Ritters kSnnen ihn von seinem Vorhaben abbringen. 
Nur von Brod und Suppe lebend erreicht unser Held eines Tages um Sonnen- 
untergang sein Ziel, und angesichts der schSnen Stadt Rege mit ihren 
ragenden Zinnen, dem stolzen Schlosse, das sein ein und alles umschliesst, 
vergiesst er bittere Thranen. Die Nacht schlaft er im Hause armer Leute. 
Nachdem er alsdann im »monstier« das Almosen empfangen hat, begiebt er 
sich um 1 Uhr zum Schlosse. Der Pfflrtner verwehrt ihm den Zutritt. »Ich 
lasse dich nicht ein, Betruger, du kommst zu oft, und bist einer von denen, 
die den Leuten vorlugen, im heiligen Lande gewesen zu sein, ich kenne 
dich seit geraumer Zeit«. Lion verspricht dem Thiirhiiter die Halfte seiner 
Einnahme im Schlosse, und der Mann ist augenblicklich umgestimmt. Er 

1) Nach d 61c 30 nur 10. 



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rat ihm jetzt sogar, seine ganze Verstellungskunst anzuwenden, besonders 
gegeniiber einer holden Dame, die einen vollen Gulden zu geben pflege. 
Wenn Lion aber unredlich bei der Teilung zu Werke gehe, dann wolle er 
ihm eine Tracht Prngel verabfolgen und ihn nie wieder einlassen. — 
107. Lion tritt ein. Im Schlosse erblickt er die 4 Jungfrauen, beim Anblick 
der Geliebten wallt sein Blut. Florentine im Glauben, den Pilger vor sich 
zu halten, dera sie die Botscbaft an den Geliebten ubertragen, sammelt die 
Almosen und iiberreicht sie unserem Helden. In demselben Augenblicke 
erkennt sie ihn. — Gegenseitige Liebesbeteuerungen. — Seine Absicht, einen 
Befreiungsversuch zu machen, erklart sie fur unausfiihrbar , da alle Gast- 
bauser der Stadt von Soldaten besetzt seien, bestitnmt, Herzog Gamier zu 
Hilfe zu eilen. — Fluch fiber ihn. — 108. Clarisse tallt die lange 
Unterredung der beiden auf. y4 51c. Der Pilger k6nnte ja ein verkleideter 
Spion sein. Geneure tritt daher dicht an aas Paar heran, erkennt Lion 
und teilt ihre Entdeckung der Cousine mit. Damit Florentine keinen Ver- 
dacht schSpfe, macht sie ihr den Vorschlag, ihn bei seiner Rttckkehr fest- 
nehmen zu lassen. Lion verlasst die Geliebte mit dera Versprechen, den 
folgtnden Tag wiederzukommen. Dem Pfortner giebt er 10/?, er habe eben- 
soviel gewonnen. Schon will er scheiden, da ruft ihn Geneure mit dem 
Versprechen eines reichen Almosens zuriick; jenseits des Meeres habe sie 
einen Verwandten *), von dem m5ge er ihr erzahlen. Trotz banger Ahnungen 
kehrt Lion um — und wird gefangen genommen. Ab2a. Da er sich 
erkannt sieht, macht er bald kein Hehl mehr aus dera Zwecke seines Unter- 
nehmens und fordert Clarisse auf, seine Braut ihm zu fiberlassen. -4 52 b. 
Sie erklart dagegen , dass ihm jede andere Jungfrau , nur nicht Florentine 
zu Teil werden k6nne, denn sie sei fur den Herzog, ihren Bruder bestimmt. 
Lion wird nun in eine »cowe« gesetzt und von 2 Jungfrauen mit Wasser 
und Krautern abgerieben. Als ihm die natiirliche Farbe wiederkommt, halt 
ihn Clarisse fur den sch&nsten Mann, den sie je gesehen. Mit Speisen und 
Getranken lasst sie ihn sodann reich bedienen. 

B 8U c 35-85 c 32. 109. Als Lion von dem Pilger h6rt, dass Florentine 
ihn geschickt habe, kusst er ihn vor aller Augen, lasst ihn sodann trefflich 
bewirten (5 80 a) und schenkt ihm fur seine Belehrungen »cent ducatz* 
(JS80d24). — Eine seltsame Episode spielt sich zwischen Lion, der gerade 
vom K6nig kommt, und dem Pilger ab, der im »cabaret« sitzt und das von 
Lion erhaltene Geld verzecht. Als der Verschwender den Jungling kommen 
sieht, lauft er ihm entgegen und ruft ihm laut auflachend die Worte zu 
(B 81b 30-32): »Seigneur le biew soyez trouue Puis questes ceans arriue* Je 
payeray quarte du meilleur*. Lion lacht fiber den ubermutigen Scherz. 
Die Stadt Kege erblickt unserHeld (B 81c 34) »Tout droit a vng luwdi matin«. 
Erst bei der zweiten Thure des Schlosses wird er angehalten (i? 82 a 3b' flf.). 
Anfangs sucht ihm der Pfortner da mit abzuweisen, dass die Damen nicht zu 
Hanse seien (2?82bl ff.), dann ist der Verlauf derselbe wie in A % B 82 d 38. 
Lion als Pilger im Schlosse angekommen, zeigt der Geliebten als Erkennungs- 
zeichen den King, den er vor dem Turnier von ihr empfangen hat. — Dera 
Pf6rtner giebt er 5 solz bei seinem Abschied. (JBb4c33). — Geneure gebietet 
Lion umzukehren. Von einem abermaiigen Almosen und einem Verwandten 
der Dame ist nicht die Rede. — Lion sucht sich darauf durch eine Ausrede 
aus der gefahriichen Lage zu befreien. B 85 b 83-38 »Jay ma poure femme 
laissee Deuant lospital fort bissee Se cy demouroys longuement Trop luy 
ewnuyroit durement Car par le vray dieu droiturier Laisse ie luy ay vng 
denierc. — B85dl5. Die Zahl der Jungfrauen, die Lion baden, betragt 3. 



l ) d64d31 Vetter. 



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30 

Florentinens Flucht roit Marie. Clarisse verffihrt Lion. 

A 52 b 43-53 a 2. d65c-66a35. 110. Wahrenddem man den Jangling 
gefangen nahm, sind die beiden Jungfrauen, Florentine und Marie allein 
auf ihrein Ziromer geblieben. Florentine macht nun den Vorschlag, den 
Augenblick der Unbewachtheit zu benutzen, Knappenkleidung anzulegen 
und in schleuniger Flucht das Heil zu suchen. — A 52 c. Schnell Ziehen sich 
beide um und verlassen das Schloss, ohne jemanden zu begegnen. Eilig 
durchschreiten sie die Strasse, und, auf dem Felde angelangt, blicken sie 
. zurfick, ob man sie nicht verfolge. Dann laufen sie bis zu einem »hameU t 
wo sie ubernachten. In Hirtenkleidern schlagen sie sodann den Weg nach 
Peulle (Apulien) ein. — 111. Mittlerweile hat Clarisse unseren Helden in 
Ritterkleidung gesteckt, und als sie ihn so herrlich sieht, entbrennt sie in 
hei88em Yerlangeu nach ihm. Geneure und die beiden Jungfrauen, die ihn 
gebadet haben, schickt sie hinweg mit dem Auftrage, Florentine und Marie 
zu Bette zu bringen. Diese aber leisten der Aufforderung keine Folge, 
sondern bleiben lauschend an der Thfire stehen. Sollte sich Clarisse unter- 
stehen, mit Lion ein Liebesverhaltniss anzukrifipfen ? ! — Clarisse erklart 
dem Jungling, dass er auf Florentine ein fur alle Male verzichten musse, 
doch wenn er ihr seine Liebe schenken wolle, die doch durch Geburt und 
Schttnheit auf ihn Anspruch erheben dihfe, so wolle sie mit Freuden ein- 
willigen und seine Gefangenschaft dementsprechend milde gestalten. Lion 
antwortet, dass er ja ganz in ihre Macht gegeben sei und daher ihren 
Willen thun miisse. — Es geschieht — und in derselben Nacht zeugt Lion 
einen Bastard »Gerart«, der spater seinen Oheim, den Herzog von Calabrien, 
tQtet und nach diesem die Regierung des Landes iibernimmt. — 112. Er- 
ziirnt fiber ihrer Cousine Benehmen, geht Geneure nach dem Zimmer, in 
dem sie am Morgen Florentine und Marie zurQckgelassen : Sie sind ver- 
echwunden. Besturzt durchsucht sie alle Gemacher — vergebens; und als 
auch der Pfo'rtner versichert, dass seit Morgen keine Dame das Thor passiert 
habe, eilt sie verzweifelt zuruck nach dem Zimmer, in wek-hem Clarisse 
und Lion mit einander kosen. Sie schlagt gegen die Thfire, und indem sie 
Clarisse ihr Vergehen gegen den Herzog vorwirft, theilt sie ihr die Flucht 
der beiden Damen mit. 

B 85 c 33-88 d 18. 113. Lions Abenteuer mit Clarisse ist weit ausge- 
sponnen, es erstreckt sich auf mehrere Tage. Ihr Sohn heisst in der kurzen 
Inhaltsangabe vor der ausffihrlichen Darstellung wie in A\ Girad (B 87b 26), 
im eigentlichen Texte dagegen wird er Gaultier genannt (BSldl) — 
Wachter und PfSrtner nehmen die beiden Fluchtlinge wohl wahr, halten 
die verkleideten Damen jedoch fur Knappen, die in der Nacht ihre Geliebten 
besuchen wollen. — Geneure redet mit einer der 3 Jungfrauen fiber das 
strafliche Verhaltnis Clarissens zu Lion ; wenn der Herzog es erfiihre, werde 
er sie dem Feuertode preisgeben. Die Dame aber nimmt ihre Herrin in 
Schutz. B 88c 14-17: »Mais vela est damours le stille 11 nest cueur si gros 
ne si fier Quilz ne facent moliffier Et adoulcir quant ilz leur plaistc. 

Lions Flucht mit Clarisse. 
y*53a3-b54. d 06 a 35-66 d 6. 114. Clarisse vernimmt entsetzt die 
Worte ihrer Cousine, kann sich aber nur von ihrer Wahrheit iiberzeugen. 
Lion ist hocherfreut fiber die Rettung seiner Braut. Clarisse aber, die er- 
kennt, dass seine Liebe zu Florentine noch nicht erstorben ist, vergiesst 
bittere Thranen. Trotzdem sieht sie in dem Vorschlag Lions, unter seiner 
Obhut zu fliichten, ihre einzige Rettung, denn vom Bruder hat sie keine 
Gnade zu erwarten; dagegen muss ihr Lion das Versprechen geben, sie 
nach Sicilien zu bringen und als Florentinens Kammerfrau im Hause zu be- 
halten. Um Mitternacht stattet sie den Geliebten mit herrlichen Waffen 
aus, und indem sie dem Pfcrtner vorspiegelt, dem Herzog zu Hilfe kommen 



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31 

zu wo lien, verlassen sie unbehelligt das Schloss. Der Jfingling dankt Jesus 
fiir seine Befreiung und trSstet die weinende Gef&hrtin. — Ungef&hr 6 Meilen 
baben sie zuriickgelegt, da erreichen sie gegen Tagesanbruch einen Wald, 
den sie den nachsten Tag und die darauffolgende Nacht durchzieben. 

JB88dl9-90c7. 115. J390a Clarisse stellt sich der erziirnten Geneure 
gegeniiber niedergeschlagen und traurig , uni ihre Absicht, mit Lion zu 
flieben, nicbt zu verraten. Als sodann alle Bewohner desSchlosses zu Bette 
gegangen sind (Geneure ist in Folge der Anstrengungen des Tages eine der 
ersten), thun Lion und Clarisse das Gleiche und bleiben zusamnien bis 
Mitternacht. — B90b25ff. Clarisse greift nicht wie in A zur T&uschung des 
PfSrtners. Als der Mann vielmehr seine Gebieterin erkennt, flffnet er bereit- 
willigst das Thor. 

Kampf mit R&ubern, Entfuhrung der Clarisse. 

A 53 c 1-54 b 31. d 66 d 7-68 a 16. 116. Bei Sonnenaufgang erblicken die 
Reisenden eine herrliche Burg, und da Clarisse von dem Marsche einuidet 
ist, schlagt Lion vor, dort um Herberge zu bitten. Auf der Burg aber 
wohnen 13 b6se Rauber, die die Kaufleute zu berauben und ihnen das Leben 
zu nehmen pflegen. Gott strafe ihre ttbelthaten! Die Wegelagerer freuen 
sich schon , 2 Opfer nahen zu sehen , und Erchambaus , ibr Meister, stellt 
sich an das Tbor, um die Ankommlinge in die Falle zu locken. Lion und 
Clarisse machen am Burggraben Halt, und Erchambaus lasst auf ihre Bitte 
um Herberge die Zugbrucke niedergleiten. A 53 d. Die beiden treten ein; sie 
kommen in einen Saal, der ringsum mit blutigen Rustungen behangt ist. 
Beim Anblick dieses grausigen Ortes und seiner Bewohner ahnt Lion nichts 
Gutes. Als ihn daher der R&uberhauptmann auffordert, die Waffen w&hrend 
des Essens abzulegen, weigert er sich, dem Aussehen des Ortes nach zu ur- 
teilen , sei er hier in eine Mordergrube gefallen. Darauf legt Erchambaus 
offen seine Absicht klar. Erst solle er sterben, »Pues ferons nous volloir de 
de vous belle moullier Je me volrait enneut delle sollaicyer* (A 53d 28-29). Das 
soil nicht geschehen, spricht Lion, und mit einem gewaltigen Streiche streckt 
er den Rauber zu Boden, ebenso ergeht es einem zweiten namens Gontier 
(A 53 d 37). Drei Mordgesellen ergreifen inzwischen die weinende Clarisse, 
setzen sie auf ein Pferd und fuhren sie in einen dichten Wald, wo sie ihr 
Schicksal und das ihres Geliebten laut beklagt. Unterdessen kampft unser 
Held gegen dieSchurken: 5 hat er schon getfltet, 4 sind schwer verwundet, 
und die Deberlebenden suchen sich durch die Flucht zu retten. Zum Schlusse 
ist Lion ganz allein in der Burg, nirgends aber findet er seine Gefahrtin, 
ihn jammert ihr Missgeschick, und er fleht den Schutz des Himmels auf sie 
herab. Nachdem ihm alsdann die Schlosakiiche ein reiches Nachtmahl 
geliefert hat, verriegelt er die Thuren der Burg und legt sich in Erchambaus 
Bett zur Ruhe nieder. Mittlerweile wird Clarisse von den Raubern immer 
tiefer in den Wald entftihrt. Da kommt ein Ritter des Weges »Que a vne 
fontaine va son corpz abruuanU (A 54a 38). Er h6rt die Klagerufe der 
Dame und befreit sie aus den Handen der Rauber. Clarisse dankt ihrem 
Retter und erzahlt ihm auf seine Frage, sie sei die Frau eines Kaufmanns, 
den die Wegelagerer getStet h&tten , um ihr ungestort Gewalt anthun zu 
kdnnen. Jhrer hervorragenden Schonheit halber nimmt sie der Ritter mit 
nach seinem Schlosse Monrochier (A 54 b 20 - 22). »I1 estoit au desoure 
de Callabre seans A aller ver Romenie se nous dit li romenU. In dem 
Glauben, dass Lion nicht mehr unter den Lcbenden weile, bittet sie fiir des 
jQnglings Seele. Spater heiratet sie den Ritter. 

B 90c 8-93 b 24. 117. Die Zahl der Briganten betriigt 15 (B 91 a 4). Der 
Kampf mit ihnen nimmt einen von A verschiedenen Verlauf. Nachdem 
sich der Jungling des Anfuhrers entledigt hat , fallen die iibrigen 14 fiber 
ihn her. 2 schlagt er nieder, und wahrend er sich gegen die 12 anderen 



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verteidigt, entfuhren 2 derselben seine Gefahrtin. Von den ubrigen 10 tStet 
er 6 und schlagt 4 in die Flucht. — B 91 c 20-29. Clarisse empfindet Gewissens- 
bisse, sie mochte tot sein, wenn nur ihr Lion tnit Florentine gliickhch sein 
kSnnte. — B 92 b 3-8. Einer der beiden Rauber, die Clarisse entfuhrt haben, 
entfernt sich, damit sein Genosse mit der Dame sein schandliches Spiel un- 
gestflrt treiben kGnne. — 118. Clarisse erfindet ibrem Erretter gegenuber 
eine andere Fabel: Sie sei die Gattin eines edlen Ritters aus der Stadt 
»Barsse« in »Puillec. Auf einer Pilgerfahrt begriffen, batten sie 
in dem Schlosse, das die Briganten bewohnten, Herberge gesucht etc. 
(B 92 d 38-93 a 29). Clarissens Beschutzer ist bereits vermahlt; er bringt daher 
die Dame zu seiner Gemahlin. Dort wird sie auch von Lions Kinde ent- 
bunden, das so schnell heranwuchs, dass es scbon mit 12Jahren die Waffen 
zu ffihren verstand. 

Die Strafpredigt des weissen Ritters. 

A 54 b 32-d 28. B 93 b 25-94 b 31. d68a 16-68c20. 119. Am Morgen ver- 
lasst Lion das Scbloss. Da erblickt er plotzlich in der Feme den weissen 
Ritter, freudig sprengt er auf seinen Gefahrten zu. Andacbtig sinkt er vor 
dem Geiste auf die Kniee und fleht ihn an, das Ungliick, das inn auf Schritt 
und Tritt verfolge, in Zukunft gnadigst von ihm abzuwenden. Dagegen 
erwidert ihm der Geist, dass seine Qualen noch lange kein Ende erreicht 
hatten , dass er erst kurzlich Christus schrecklich erzurnt und seine , des 
Geistes Weisungen nicbts geacbtet habe. Lion entgegnet, dass es doch sein 
Streben gewesen sei, Vater und Mutter zu suchen; da nennt ihm der Geist 
sein Vergehen, das unkeusche Verhaltnis zu Clarisse. Zerknirscht kniet der 
Jungling am Boden und spricht ein stilles Gebet. -- Der weisse Ritter ist 
verschwunden. 

Florentine und Marie erhalten Kunde von Lions Untreue 
und finden Herberge in einem Kloster. 

^54d29-56a 11. £94cl-98a34. d 68c 21 -70 a 10. 120. Florentine 
reitet mit ihrer Freundin Marie durch den finsteren Wald dahin. beide sind 
miide Zum Ueberfluss alles Missgesckicks wird die Prinzessin plotzlich von 
einer Erankheit befallen, und nicht imstande, weiter zu gehen, lasst sie sich 
auf der grunen Haide nieder. — Fluch iiber den Herzog, den Stifter alles 
Unheils. — Wo sollen die Jungfrauen Unterkunft finden? -4 55 a. Marie 
weiss keinen Rat. Da koinrat ein Ritter in kostbarer Riistung des Wegs 
und wendet sich an die Damen mit der Frage, ob sie in dem Walde nicht 
einem Ritter begegnet seien, der eine holde Jungtrau mit sich fiihre. Marie 
verneint die Frage, ist aber begierig, zu erfahren, was e3 mit den beiden 
Personen fur eine Bewandtnis habe, und der Rittersmann erklart zornig, 
der Jungling sei Lion, die Dame aber Clarisse, Herzog Garniers Schwester. 
Sie liebe ihren Begleiter und sei mit ihm von Schloss Rege entflohen. Lion 
habe ubrigens schon eine Braut, Florentine, die Tochter des KSnigs von 
Sicilien. - Aufzahlung aller Ereignisse seit Lions Wanderung nach Rege. — 
»Entdeckt lhr den Fliichtling, fahrt der Ritter fort, so meldet es in Rege, 
A 55 b 5 Chescuw de vows arait vne robe fouree*. Der Ritter zieht weiter. 
121. Florentine ist der Verzweiflung nahe: »Alle Manner sind falsch!« 
Marie nimmt Lion in Schutz. Wenn er sich der Untreue wirklich schuldig 

femacht habe, was sie noch nicht glaube, so sei es nur geschehen, um ihr, 
lorentine, und sich die Freiheit zu verschaffen. Florentine werde er end- 
lich doch zur Frau nehmen, Clarisse aber mit Schmach von sich stossen. — 
Da erblickt die Konigstochter in der Feme eine Abtei, aber es ist ihr kaum 
noch in8glich, von Marie geetutzt dorthin zu gelangen, so weh ist es ihr 
urns Herz. Die Abtissin begriisst sie ') , und Marie erzahlt , dass sie keine 

1) d 69 c 21 f. Bei Ankunft der Damen spielt die Abtissin gerade mit 
einem Hiindchen. 



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Manner, sondern verkleidete Damen sind ; Florentine, eine Grafentochter , sei 
von einem Ritter, den sie nicht liebte, in ein festes Schloss entfiihrt worden, 
von dort habe sie in Verkleidung die Flucht ergriffen. Die Oberin nimmt 
die beiden herzlich auf. (Nach B 97 c 23 heisst das Kloster »deuost couuent 
saiwcte Clere«). lhre Kleidung vertauschen sie mit dera Nonnengewand. 
Florentine wird durch eine schwere Krankheit 20')Tage ans Bett gefesselt. 
Marie mochte dein Kflnig ihren Aufenthalt gerne mitteilen, aber die Prin- 
zessin will erstKunde von Lion haben; macbe er Clarisse zu seinem Weibe, 
dann bleibe sie iua Kloster, um fflr des Geliebten Seele zu beten, kein 
anderer Mann aber werde ihre Liebe mehr gewinnen kdnnen, denn sie habe 
sich der Blume der Ritterscbaft zugeschworen. 

Niederlage der Sicilier bei Monterose. 
-4 56 a 12-58 b 51. d70all-73c4. 122. K6nig Heinrich beklagt das 
lange Ausbleiben Lions und des weissen Ritters. Er selbst ist ja alt und 
schwach und mochte die Belagerung gern aufheben. Aber Herzog Raymon 
hat durch Spione in Erfahrung gebracnt, dass innerbalb 4 Tagen der Bastard 
»Guion« mit 30000 Mann zn# Unterstiitzung des Herzogs ankommen werde. 
Der K6nig entschliesst sich daher zu einem sofortigen Angriff. — Kampf 
ziemlich wie vorher. — Die Anstrengungen der Belagerer sind fruchtlos 
und al8 sich Heinrich am Abende unverrichteter Sache zuruckzioht, ergeht 
sich der Herzog in Scbmahreden gegen ihn und Florentine, die er zu seiner 
Concubine machen wolle. Bereits am andern Morgen erscheint der Bastard 
mit 30000 Mann auf der anderen Seite von Monterose. Er lagert sich unter- 
halb des Flusses, grimmig uber die Flucht seiner Schwester, Lions und 
Florentines. An den Herzog schickt er durch einen Boten »Mammonnc ■) 
einen Brief, der alle Neuigkeiten , die dem Bruder noch verborgen sein 
mussten, enthalt. — Aufzahlung derselben. — Mundlich soil der Gesandte 
berichten, er, der Bastard, sei mit 20000 (!) Mann zu Garniers Befreiung er- 
schienen. Bei Beginn des Kampfes moge der Herzog einen Ausfall wagen. 
Der Pfortner von Monterose weist den Boten ab, denn es ist ihm bei Todes- 
strafe von dem Herzog verboten worden , irgend jemanden einzulassen. — 
123. Doch setzt er seinen Herrn von dem Sachverhalt in Kenntnis , und 
Gamier, der Furst von Tarent und der Senechall begeben sich bewaffnet 
zum Thore, um beim Einlassen des Boten einen tJberfall verhiiten zu kflnnen. 
Der Mann tritt ein und entledigt sich seines Auitrags. Den Brief lasst der 
Herzog von einem »clerc lefrez« vorlesen. Als er von den Ereignissen auf 
Rege hflrt, will er sich vor Zorn und Verzweiflung das Leben nehmen, aber 
der Furst von Tarent beruhigt ihn mit dem Hinweis auf die hoffnungsvolle 
Zukunft, die ihm die Ankunft des starken Heeres seines Bruders verheisse. 
Mit dem Kriegsplan des Bastards erkliirt sich der Herzog einverstanden. 
Der Angriff der Calabrer beginnt am nachsten Tage, im verabredeten Moment 
bricht der Herzog aus der Festung hervor, und die beiden Heere der Calabrer 
stflrzen sich auf die dreifach schwachere Schar der Gegner. — Beschreibung 
des Kampfes. — Raymon wird schwer verwundet, von den Siciliern aber 
den Feinden entrissen und in ein Zelt gebracht, wo sein Arzt »Guionc ihm 
die Wunden verbindet. — 124. Der Bastard vor alien ist der Lowe des 
Tages, ihm thut es keiner gleich. Da, inmitten des Kampfgetummels ruft 
der Herzog laut: »Vorwarts, Leute, die Schlacht ist fur uns gewonnen, weder 
Lion noch der weisse Ritter sind anwesend, das andere kiimmert uns wenigU 
Der Bastard stiirzt auf die Standarte der Sicilier los, sie fallt unter den 
Hieben der Calabrer. Eine wilde Panik erfasst die Reihen des koniglichen 
Heeres, sie wanken, viele wenden sich zur Flucht. Dem Konig wird das 
Ross unter dem Leibe getotet, er selbst fallt in die Hande der 3 Verrater. 
Noch einmal bittet ihn der Herzog, seine Tochter ihm zur Gemahlin zu 



1) d69d30: 14. — 2) d verschweigt hier den Namen. 



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34 

geben, doch selbst in der Stunde der tiefsten Demiitigung bebarrt der K8nig 
in seinerTreue zu Lion. Nun, da dieSicilier ihren Herren in Banden sehen, 
ist ihr Mut vollends gebrochen. Nur 4000 seiner Leute stehen noch, 10000 
suchen sich durch die Flucht zu retten. 

B 98 a 35-104 b 2. 125. Die Botschaft des Bastards gelangt auf andere 
Weise als nach A in die Hande des Herzogs: J5100b4ff. Die Sicilier beob- 
acbten die Festungsmauern so sorgfaltig, dass es fast unmoglich erscheint, 
einen Brief des Bastards an Gamier zu ubermitteln. Ein »escuyer de hault 
pris« unternimmt das Wagnis, in einem Kahne passiert er den Graben und 
gelangt von da aus durch eine »poterne« ins Schloss. — 126. Seinen Ver- 
druss uber Lion aussert der Herzog in einem Bilde: JBlOlb 13 ff. Et dit 
bien heureux est le sac Qui porte en soy bonne dragee Et que par luy nest 
laidangee La marchandise du marchant. Lion hat ein Loch in den Sack 
gemacht und die Ware (Florentine und Marie) herausgenommen , doch da- 
mit noch nicht zufrieden, stahl er auch den Sack (Clarisse). 

Lions Erscheinen, Kriegsiist und Sieg. 

A 58c 1-59 b 10. d 73 c 5-74 c 13. 127. Nach dem Verschwinden des 
weissen Ritters reitet Lion spornHtreichs auf Monterose zu. Der Anblick 
des Schlachtfeldes erfullt ihn mit Staunen : Das starke Heer der Sicilier auf 
der Flucht, und dazu noch alle wohl bewaffnet!? Den ersten Besten fragt 
er nach dem Grunde dieser namenlosen Verwirrung; die Nachsten erkeDnen 
ihren Herrn und raten ihm, selbst zu fliehen, alles sei verloren. Nun aber 
fordert sie Lion zornigen Mutes auf, umzukehren und ihrerseits die Verfolger 
anzugreifen. Alle gehorchen. — Da kommt unserem Helden ein gliicklicher 
Einfall: Einen Ritter von seiner Grosse lasst er ganz in weiss kleiden, um 
mit einem fingierten weissen Kitter den Feinden Schrecken einzujagen. 
Auf Umwegen durch einen Wald kommt er auf dem Kriegschauplatze an. 
Sobald die 3 Verschworer ihre beiden argsten Feinde erblicken, schwindet 
all ihr Kampfesmut, der Seneschall rat zur Flucht, aber der Herzog ent- 
schliesst sich zum Kampfe. — Schlacht. — Der Bastard sturmt auf Lion 
los, empfangt aber nach kurzem Gefechte von seinem Gegner den Todes- 
stoss. Siegreich dringt dieser bis zur feindlichen Standarte vor und betreit 
den K8nig. Nun halt es auch den Herzog nicht mehr am Orte seines so 
plotzlich zerstorten Gluckes, entsetzt sucht er Rege zu gewinnen. Hatte 
der Furst von Tarent nicht das Gleiche gethan, er ware der Rache Lions 
nicht entronnen. Unterwegs stosst der Furst auf den falschen weissen 
Ritter, mit e'nem gewaltigen Hiebe streckt er ihn zu Boden. — Durch 
Lions Eingreifen ist die Schlacht noch zu Gunsten der Sicilier entschieden. 
Die Leiche des Mannes, der die Rolle des weissen Ritters gespielt hat, lasst 
unser Held feierlich bestatten. Dann begiebt sich der Jungling zum KOnig, 
um mit ihm uber vergangene Zeiten zu plaudern. Bei dieser Gelegenheit 
ubertragt ihm Heinrich die Krone von Sicilien. 

B I04b3-l08b9. 128. Lions Kriegslist mit dem falschen weissen Ritter 
fehlt in B. Tod und Beerdigung des Mannes werden in Folge dessen auch 
nicht berichtet. — Lions Kampf mit dem Bastard ist ausserordentlich in 
die Lange gezogen, weicht auch in den einzelnen Momenten von der Dar- 
stellung in A ab. Dem Zweikampf geht eine Begrundung von Lions Tuchtig- 
keit voraus. B 106 a 40-bvJ: Quatre faeez furent a son naistre Qui luy 
donnerent en cest estre Chcscune vng don de toute grace. Unser Held 
schlagt dem Gegner den Arm ab, mit dem dieser den Schild fuhrt. 
Galleran ergreift die Flucht, wird aber von Ganor eingeholt, zu Boden 
geworten und von den herbeieilenden Siciliern ubel zugerichtet. Dann erst 
erscheint Lion und spaltet dem Bedauernswerten das Haupt. 



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35 

Geneure verrat Florentinens Aufenthalt. 

A 59 b 1 1-60 d 25. d 74 c 14-76 b 37. 128. Der Herzog kommt nach Rege. 
Er ist der Ansicht, Geneure habe den Gefangenen und Clarissen die Flucht 
vermittelt und will sie zur Strafe verbrennen lassen. Schon ist der Scheiter- 
haufen im Schlosshofe angeziindet, da erscheinen der Fiirst von Tarent und 
der Seneschall, gliicklich entronnen dem Blutbade zu Monterose. Der Furst 
macht dem Herzog klar, dass es verniinftiger sei, Geneure des Landes zu 
verweisen. doch solle ihr die Riickkehr bei Todesstrafe untersagt sein. Der 
Herzog willigt ein. Geneure verlasst mit nur einem Pferde, einem Diener 
und einer einzigen Dienerin die Heimat und kommt durch einen unglu'ck- 
lichen Zufall gerade in das Kloster, in dem Florentine und Marie Unter- 
kunft gefunden haben. Florentine ist noch immer leidend, da kehrt der 
Bote, den die beiden Damen nach Monterose geschickt haben, zuriick und 
berichtet alles, was in letzter Zeit vor der Festung sich abgespielt hat, die 
Niederlage der Sicilier bis zum Siege Lions. Auch verschweigt er nicht 
des Helden iibrige Erlebnisse seit seiner Flucht von Rege. A Is Florentine 
hort, dass Lion von Clarisse getrennt ist und ihrer, seiner Braut, noch in 
Liebe gedenkt, wird sie heiteren Sinnes und ihre Genesung geht rasch von 
Statten. -4 60 a — Preis des Geliebten — Florentine schickt einen Brief an 
ihn mit der Bitte, unverzuglich nach der Abtei zu kommen und sie zu er- 
losen. — 130. Genoivre erblickt bei ihrer Ankunft Florentine und Marie 
sofort, doch wendet sie ihr Antlitz schleunigst ab, um nicht selbst erkannt 
zu werden. Nichtsdestoweniger haben die beiden Jungfrauen ihre Feindin 
wohl wahrgenommen , sie klagen iiber des Schicksals Tiicke. Im Kloster 
befindet sich eine Cousine l ) der Geneure. Diese zieht die Verraterin ins 
Vertrauen und weiht sie in ihren Plan ein, dem Herzog den Aufenthaltsort 
der beiden Damen mitzuteilen. 

5108b 10-111 c BO. 131. Die Strafe, welche der Herzog iiber seine 
Cousine verbangt, ist minder hart als in A. Geneure soil zwar aus dem 
Lande Garniers verbannt werden, aber mit der Einschrankung : B 109 a 14-15 
Tant quelle ait Clarisse trouuee Et Florentine ramenee. 

Kampf in der Abtei. Sieg der Calabrer. 

A 60 d 26-64 b 21. d 76b 38-80 a 21. 132. Der Furst von Tarent brustet 
sich damit, dass es ihm gelungen sei, den weissen Ritter aus dem Wege zu 
schaffen, mit Lion all ein fertig zu werden, sei ihm nunmehr ein Leichtes. 
Der Seneschall bestatigt dem unglaubigen Herzog gegenuber die Aussage 
des Fursten. Da erscheint Geneures Bote. — Der Herzog sieht ein, dass 
keine Minute zu verlieren ist, schleunigst sattelt er sein Pferd und sucht 
mit seinen beiden Genossen und einer stattlichen Kriegerschar die von der 
Cousine bezeichnete Abtei zu erreichen. — Die Vorsteherin lasst sie ein, 
und der stille Klosterhof ist bald in einen Tummelplatz von Pferden und 
geharnischten Mannern verwandelt. Als die beiden Jungfrauen erfahren, 
wer der Fiihrer der Truppe ist, befallt sie ein jaher Schrecken. — Gamier 
tritt zu ihnen in den Saal. Indem er Marie wahrnimmt, regt sich sein 
Zorn, auf dem Scheiterhaufen soil sie den Tod erleiden; dann wendet er 
sich zu Florentine. Die Dame weiss wohl, dass es sich vor allem darum 
handelt, ihren Aufenthaltsort im Kloster bis zu Lions Ankunft zu verzogern. 
Darum stellt sie sich kranker, als sie in der That ist und heuchelt eine 
Zuneigung zu dem Herzog, den sie einzig und allein liebe, seitdem Lion ein 
so schandliches Spiel mit ihr getrieben habe. Nur 1 — 2 Tage mSge er ihr 
im Kloster Gesellschaft leisten, denn zu einer Reise fuhle sie sich noch zu 
schwach. Auch mit Geneure versohnt sie sich. — Excurs iiber Frauenlist. — 
Florentine schickt an den Geliebten wiederum einen Boten. — Bericht. — 



1) Nach d 76 b 25 ist die Abtissin der Verraterin Nichte. 



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36 

133. Unser Held leistet der Aufforderung sofort Folge. Nach angestrengtem 
Ritte kommt er in der Nahe der Abtei an and sendet den Boten zu den 
Jungfrauen, urn ihnen seine Ankunft mitzuteilen and die Lage in der Abtei 
au8zukundscbaften. Lions Ankunft sendet neue Hoffnungsstrahlen in die 
Herzen der beiden Jungfrauen. Als der Jiingling hort, dass die Dam en sein 
Unternehmen gut heissen, lasst er seine Begleiter zum Angriff riisten. 
Einera Teil seiner Leute befieblt er die Bewachung des Klosterthores, 
wahrend er selbst, von 30 Rittern gefolgt, in den Saal eindringt. Gamier 
erkennt sofort seinen Gegner und den Zusammenhang derDinge. Lion fiibrt 
einen raacbtigen Hieb gegen ibn, tritft aber einen Hitter, der zur Deckung 
des Herzogs sich zwischen die beiden Gegner gestellt hat. A 63 a 33-35 Et 
Lion le ferit du brant li est alle*s Per my le haisterel fuit si bien assents 
Que li hanepier (en) est en son banep volld(r)[8]. Dem Senescball schlagt 
unser Held das rechte Ohr ab, dann babnt er sich den Weg zur Geliebten 
und bedeckt ihren Mund mit gliihenden Kiissen. — 134. Wahrend der Vor- 

§ange im Speisesaale haben die Calabrer die am Thore Wache stehenden 
icilier bemerkt. An Zahl ihnen weit iiberlegen, greifen sie die Feinde 
an und reiben sie vollstandig auf. Dann wenden sie sich zu dem Saale, 
wo ihrem Gebieter, der mit Lion kaiupft, bereits die Krafte zu schwinden 
drohen. Sie werfen sich auf die geringe Zahl der Sicilier. Unser Held 
stosst ins Horn, aber seine Gesellen am Thore sind tot und h5ren nicht 
mehr die Hilferufe ihres Herrn. Nachdem man den Herzog den Handen 
Lions entrissen hat, fordert er seine Ritter auf, den Jiingling gefangen zu 
nehmen, aber sein Leben zu schonen, damit er in Musse fiber ihn zu Gericht 
sitzen konne. — Ganor wird gefesselt, und alle wenden sich gegen Lion, 
der aus mehr als 30 Wunden blutet. Auch er muss endlich der Masse 
unterliegen und wird gebunden. Er soil am Strange, Florentine auf dem 
Scheiterhaufen sterben. Lion sieht die Weissagungen des Geistes in Er- 
fiillung geben , er will sich ja auch ohne Murren in sein wohlverdientes 
Schicksal fiigen , aber ihn jammet das Elend seiner schuldlosen Braut; den 
Himmel fleht er an, sie, die Reine zu retten und nicht mit ihm, dem Schuld- 
befleckten untergehen zu lassen. — 135. Der Zug der Calabrer mit den 
Gefangenen setzt sich in der Richtung nach Rege in Bewegung. Aber 
nicht genug damit , dass unser Held gebrochen ist an Leib und Seele , er 
hat auch obendrein den Spott und die Schmahreden des Senescballs zu 
tragen. — Auch Lion gegenuber ruhmt sich der Fiirst von Tarent seines 
Heldenstreiches; den weissen Ritter habe er vor Monterose ins Jenseits be- 
fordert, auf eine Unterstiitzung von Seiten seines Gelahrten brauche daher 
Lion nicht mehr zu rechnen. Daraufaber erwidert der Jiingling: A b4 a 45 ff. 
». . . Car li blans qui maidoit si bien a tornoier Nest mie ancor mors foid 
que doi saint Richier Mais cis que tu ossis a lespee daicier Estoit vng 
sien colsin quauoit anon Rewgnierc. 

JBlllc31-117b37. 136. DiePrahlerei des Fursten von Tarent, er habe 
den weissen Ritter getotet, sowohl dem Herzog, als auch spater Lion gegen- 
uber fehlt in B gleich der ganzen Episode, auf die sie sich bezieht. — 
B112c40-d5: Um dem Boten Nachrichten an Lion aufgeben zu konnen, 
springt Marie aus einem Fenster in den Garten. — Von Anbeginn des 
Kampfe8 nimmt Lion sein ganzes Gefolge mit in den Saal (B 114 c 30-32). 
Es fehlt daher die Niedermetzelung der Sicilier am Klosterthore. — Die 
Calabrer werden durch Geneure zur Verteidigung des Herzogs in den Saal 
gerufen. B 115a: Wahrend des Handgemenges schlagt Lion dem Seneschall 
samt dem einen Ohre auch die ganze Wange ab; dazu ist sein Hieb so 
wuchtig, dass das Schwert noch eine Hand breit in die Schulter des Ver- 
wundeten eindringt. i?115b: Wahrend der allgemeinen Verwirrung wollen 
Florentine und Marie' die Flucht ergreifen, werden aber vonGuarnier zuruck- 
gehalten. B115b: Lion ergiebt sich auf die Aufforderung des Fursten von 
Tarent hin. 



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37 

Befreiung Lions durch den weissen Ritter. 
A 64 b 22-68 d 51. d 80a 22-82 b. 137. Lions wiederboltes Gebet wird 
vora Himmel endlich erhSrt. Indera er seine Blicke nach Osten ricbtet, 
gewahrt er den weissen Ritter an der Spitze einer 4000 Mann starken, eben- 
falls ganz weiss gekleideten Reiterschar. Geradewegs reitet der Geist auf 
seinen ebemaligen Turniergefahrten zu, der dessen Ankunft als das Ende 
aller Qualen begriisst. Auch Florentine froblockt beim Anblick des Ritters, 
der ibr seither immer als Glficksbote erscbienen ist, und teilt ibre Ent- 
deckung aucb Marie mit. — 138. Der Herzog beratscblagt gerade mit dem 
Fursten von Tarent fiber die Art des Todes, den Lion sterben soil, da blickt 
er sicb urn, und — das Blut stockt ihm in den Adern, aus dem Walde 
eilen der weisse Ritter und sein Gefolge. — Alles ist verloren. — Den 
Fursten klagt Gamier des Verrats und der Luge an, denn der weisse Ritter, 
den er bei Monterose getStet baben wolle, komme ja eben auf sie los. Der 
Furst beteuert die Wahrheit seiner Aussage. A 64 c 43-47 : »Sire sire cosin 
vecy grant diablie Saichiez que je locis par deden lestormie [Et] que le 
senechault qui est de Lombardie Le vy mort cestuy cop entre yous baronnie 
Maix il est revenus se mest avis en vie*. — Mit seinen 4000 Begleitern 
richtet der weisse Ritter unter den Calabrischen ein wildes Blutbad an. 
Zunachst babnt sicb der Geist den Weg zu Lion und befreit ibn aus den 
Han den der Peiniger. Sein Vergehen, so erklart er ibm, sei gesubnt, der 
Himinel wieder ausgesohnt, und des Junglings Vereinigung mit Florentine 
und Ganor stehe nicbts mehr im Wege. Mit Lions Knechte, der mittler- 
weile seine Freiheit auch wieder erlangt hat, reitet der Geist zu den Damen, 
die von 10 Rittern bewacht werden, 4 von ihnen tfltet Ganor. — Die Feinde 
zerstieben nacb alien Ricbtungen , auch die 3 Verrater wenden sich zur 
Flucbt. — 139. Der Seneschall ist am ubelsten daran, denn er hat itn 
Kampfe sein Pferd verloren und muss zu Fusse Lions Streichen zu entgehen 
suchen. Er ruft den Herzog um Beistand an, aber der verspottet ihn noch 
obendrein. A 65 a 35 ff. »Vous aueriez plux tost pn'ns .1. lieure az tabour 
Que de moy concillier quicy faice demour(e) Pour combaitre a Lion qui 
tawt ait de vigour Mais se cheualz nauez si natandez lestour Ains en venez 
apiet par lerbe verdoiour. Je vous atanderait a Rege la majour*. Der 
Seneschall muss wohl oder iibel den Worten seines Komplizen Folge leisten, 
aber Lion holt ihn bald ein und streckt ihn mit einem wuchtigen Hiebe zu Boden. 
Der Besiegte bittet um sein Leben: A 65 b 5-10 »Ay Lion dit il ie te vuelt 
demawder Raenson si te plait que ie puisse eschepper Tant dauoir te ferait 
se mayst dieu downer Que Bauduyn ton pcre que (moult) biew doie garder 
Ferait de mon auoir sa terre raicheter Et par an te ferait .1111. C mars 
donner* Docb will Lion seinen Todfeind unter keinen Umstanden am Leben 
lassen, er fordert ihn auf, sich zur Wehr zu setzen. Noch gelingt es dem 
Seneschall, Lions Pferd zu toten und Ross und Reiter zu Falle zu bringen, 
dann aber entflieht er. Lion folgt ihm zu Fusse, erreicht ihn, wirft ihn zu 
Boden und schlagt ihm das Haupt ab. A 65 b 45 Mors est li seneschault 
ni ait nulz recovrier. Lion kehrt zum weissen Ritter zuruck ; seine Wunden 
verursachen ihm grosse Schmerzen, und er verhehlt dies seinem Begleiter 
nicht. Der Geist spricht ein Gebet und durch ein Wunder heilen alle Ver- 
letzungen, Lion ist wie neu geboren. Seine erste Frage gilt dem Befinden 
der Geliebten. Der Geist ftihrt das Paar zusammen. Lion will Florentine 
umarmen, sie aber halt ihm sein Verhaltnis zu Clarisse vor. Lion beteuert, 
dass sein Liebeshandel mit der Schwester des Herzogs nur die Befreiung 
seiner Braut und seiner eigenen Person bezweckt habe, dass seine Liebe zu 
Florentine aber eine unwandelbare sei ; die Jungfrau giebt sich zufrieden. — 
140- Der weisse Ritter nimmt von seinem Schutzbefohlenen Abschied, befiehlt 
ihn Gott und verschwindet mit seinen Genossen in einer Wolke, wahrend die, 
denen er jungst das Leben und die Freiheit geschenkt, in glaubiger Andacht 
verbarren. — Lion, Florentine, Marie und Ganor kebren zu der Abtei zuruck 



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38 

und erzahlen der erstaunten Oberin ihre wunderbare Errettung durch den 
Boten Gottes. Dann reiten sie die ganze Nacht hindurch, bis sie endlich 
Montluisant erreichen, wo Herzog Raymon und der K6nig ihnen mit offenen 
Armen entgegen eilen. — Brautigam und Braut, Vater und Tochter, alle, 
die der Verrat dee Herzogs getrennt, sind wieder vereinigt und freuen sich 
des glucklichen Ausganges bei einem glanzenden Feste, das der Konig zu 
Montluisant veranstaltet. 

B 117 b 38-120 a 19. 141. 117 c 12-15. Die Truppe des weissen Ritters 
zahlt nur 30 Reiter, von diesen werden »sainct Georgesc und »sainct 
Maurice* mit Namen genannt. — Die Kampfesscene zwischen Lion und dem 
Seneschal!, differiert von der Parallelen in A. Der fliichtende Herzog ruft 
deui vor unserem Helden fliehenden Seneschall zu, er, ein ausgezeicbneter 
Vasall, ruoge doch nicht vor Lion die Flucht ergreifen, er solle ihn ini 
Gegenteil angreifen, urn sich wegen des abgehauenen Ohres zu rachen 
(B 118 b 13-20). Lion wirft seinen Gegner zu Boden, steigt aber dann selbst 
vom Pferde, urn nicbt als berittener Mann in ungleichem Karri pfe gegen 
einen Dnberittenen zu steben (etc. wie A). — Die Abschiedsworte des Geistes 
sind ausfuhrlicher als in A. Der Tote mahnt seinen Schutzling, ja der 
Pflicht eingedenk zu sein, in fernen Landen Vater und Mutter aufzusucben. 
B 119 a 19-24 »Et est vray compaignon gentilz Que Yostre pere fut natifz 
De Bourges estoit due clame Et de grant renom reclame Atant men tais 
et plus nen dis Plus aplain en scaurez jadis«. 



Abhangigkeitsverhaltnis von ABd. 



142. Die Gegeniiberstellung der beiden Hss. A und B, oder 
besser gesagt des von mir kopierten Abschnittes derselben, ergiebt 
vorerst, dass wir es mit zwei nicht wesentlich differierenden Bear- 
beitungen zu thun haben: Der Inhalt ist im grossen und ganzen 
derselbe, die Aufeinanderfolge der Scenen stimmt in den Grund- 
ziigen uberein. 

143. Nach dem Ausseren der beiden Fassungen zu urteilen, 
scheint A den altei en , besseren Text zu geben. A ist in Zwolf- 
Silbnern, B in Acht-Silbnern iiberliefert. Circa 6300 von mir 
aus A kopierten Versen entsprechen 10300 in B, hier allerdings 
Acht-, dort Zwolf-Silbner. 

144. Die grossere Verszahl von B vvird aber nicht etwa 
bedingt durch neue, A fremde Motive, sondern durch fade Uber- 
treibungen und Schwulst der Darstellung auf der einen und den 
Fortgang der Handlung verzogernde Betrachtungen und Allegorien 
auf der anderen Seite: 

145. Der Kaisersohn, nach A ein fur alle Male besiegt (42), 
muss B gemass dem Helden zweimal unterliegen (43. 51). B gestaltet 
die Handlung noch verwickelter : Um des Siegers Ruhm zu er- 
hohen, muss auch sein Gegner ein wurdiger sein, der Kaisersohn 



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39 

besiegt daher vor seinem Kampfe mit Lion den »filz au puissant 
due de Pauie« (43), eine Personlichkeit, die der alteren tlhanson 
ganz fremd war. 

Lion schlagt sich nach A fur den »duc Raymon« , der von 
dem Herzoge von Calabrien hart bedrangt wird, in die Schanze, 
und gewinnt sich dadurch in der Person des Genuesers einen 
Freund furs Leben (48). Mit dieser schlichten Darstellung giebt 
sich B nicht zufrieden. Wer ist der bessere Kampe, der Herzog 
von Genua oder Lion? Diese Frage, in A unerortert geblieben, 
wird von B beantwortet, indem es der in A berichteten Episode 
den schwererrungenen Sieg Lions uber Raymon vorausschickt (50). 
Doch wie unwahrscheinlich erscheint diese Darstellung! Ein Ritter 
soil dem Manne, der ihm soeben als erbitterter Gegner so viel zu 
schaflfen machte, beistehen gegen einen Unbekannten, der ihm nie 
im Leben etwas zu leide that!? 

Nach A hat Lion einen Unheil verkundenden Traum (82), B 
zu Folge auch seine Braut Florentine (83). Ihr Traum erfehrt 
dazu noch eine falsche Auslegung durch Geneure (84). 

Der Herzog von Calabrien, auf der Flucht vor Lion begriffen, 
wird von diesem erreicht, und eben im Begriffe, in das zufallig 
ofifenstehende Thor der Festung Monterose einzutreten, erhalt er 
von seinem Todfeinde noch einen derartigen Hieb, dass er noch 
innerhalb der Mauer zu Falle kommt. — So erzahlt A (93). — 
Blutiger verlauft die Scene in B : Lions Hieb ist so ungeheuer, 
dass dem Pferde des Gegners der Kopf abfliegt. Gamier, anfangs 
verwirrt, tritt auf die Mahnung des Fursten in die Pforte, und 
der Seneschall schliesst das Thor (94). 

Nichts als eine Vergroberung des Verfassers von B kann es 
sein, wenn das Liebesverhaltnis zvvischen Lion und Clarisse statt 
einer einzigen Nacht (A) mehrere Tage dauert (111—113). 

Oflfenbar liebt es JS, solche pikante Scenen in den Vorder- 
grund zu drangen und mit alien Einzelheiten auszumalen. Diesem 
Umstande ist wohl auch die von A abweichende Beschreibung 
der Episode zuzuschreiben, in der die Rauber Glarissen Ge wait an- 
thun wollen : B erzahlt, dass der eine der Rauber seinen Genossen 
allein lasst, bis dieser sein schandliches Vorhaben verwirklicht 
habe (117). 

Der Kampf Lions mit dem Bastard wird in A durch einen 
sicheren Lanzenstoss erledigt, der den Gegner sofort ins Jenseits 
befordert (127). — B gemass haut Lion ihm einen Arm ab, ver- 
stummelt flieht Galleran, wird aber von Lions Knecht Ganor zu 
Boden geworfen, von den herbeieilenden Siciliern misshandelt, urn 
endlich von Lion den Gnadenstoss zu empfangen (128). Wie B 
vorher unseren Helden in den Himmel zu heben suchte, ergotzt 
es sich jetzt an der tiefen Schmach, an dem qualvollen Dahin- 
siechen seiner Gegner, kurz, es iibertreibt. 

In A schlagt Lion beim Kampfe im Kloster dem Seneschall 
das rechte Ohr ab (133); nach B miissen Ohr und Wange weichen 



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40 

und das Schwert noch eine Handbreit in den Rumpf des Ver- 
wundeten eindringen (136). 

146. Wie schon oben bemerkt, zeichnet sich B vor A aus 
durch Recapi tula tionen von Thatsachen, die bereitsaus der Chanson 
bekannt sind, Reflexionen uber abstracte Begriffe, Allegorien, die, 
der Handlung keinen Vorschub leistend, Charakteristica einer 
jungeren Periode sind: 

Als Lion nach Beendigung des Turniers vor Florentine sich 
zeigt, zweifelt er noch daran, dass man ihm, dem armen Schelm 
den Preis zuerkennen werde. Da lasst B den Knecht Ganor 
reden, der, mit Lions Familienverhaltnissen vertraut, seines Herrn 
Abstammung, dessen Verwandtschaft mit Karl dem Grossen und 
alien Vornehmen seines Reiches verkundet (61). 

Bei Tische kost Lion nach B mit der Geliebten und vernach- 
lassigt Speisen und Getranke. Der Konig macht ihn auf das Un- 
schickliche eines derartigen Benehmens aufmerksam. Aber Lion 
weiss sich zu helfen: Als Entschuldigung (!) sagt er eine Reihe 
naiver Anstandsregeln her; sein Lehrer und Pflegevater Baudouyn 
de Monclin habe sie ihm eingepragt. Der Konig staunt uber 
seines Schwiegersohnes Bildung (!) und meint, er musse sicher 
einem Furstengeschlecht entstammen (77). 

Nachdem der Kaisersohn zum wiederholten Male an Lions 
Uberlegenheit hat glauben mussen, klagt er in B das Schicksal 
an und nennt den einen Thoren, der der Liebe uberhaupt hul- 
dige (51). 

Ebenfalls uber das Wesen der Liebe, aber von anderem Stand- 
punkte aussert sich nach B eine Dame auf Schloss Rege : Geneure 
macht sie auf den Treubruch Glarissens durch den Verkehr mit 
Lion aufmerksam, aber das Fraulein entschuldigt seine Herrin, die 
wie jedes andere Menschenkind gezwungen sei, der Macht der 
Liebe Folge zu leisten (113). 

Der Bote Garniers, beauftragt, von Rege Hilfe zu holen, 
beginnt seine Schilderung mit einem Bilde, indem er Lion mit 
einem wilden Lowen vergleicht, der die Waldungen verlasst und 
grosses Unheil anrichtet (105). 

Eines weit unpoetischeren und recht hinkenden Vergleiches 
bedient sich der Herzog von Calabri^n auf die Nachricht hin, 
dass Florentine sowohl wie seine leibliche Schwester Clarisse um 
Lions willen sein Schloss Rege verlassen hatten. Sich selbst denkt 
er als Kaufmann, der einen Warenballen besitzt. Lion, der Dieb, 
macht ihm ein Loch in die Hulle und stiehlt die Ware (Florentine); 
doch damit noch nicht zufrieden eignet er sich auch den Sack 
(Clarisse) an (126). 

147. Dass Hs. A gegemiber 5entschieden der Vorzug zu geben 
ist, das zeigt auch die folgende Erorterung: 



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41 

12Jungfrauen sind zu Preisrichterinnen im Turniere bestimmt, 
und beide Hss. erklaren einmutig, dass unter diesen 12 Florentine 
nicht einbegriffen ist. 

So heisst es 4 36 c 15-16 

Florentine appelait sun nulz arestement 
Ces XII damoiselle etc. desgl. 

A 39 c 42 wird von Florentine erzahlt : 

cez douze pucelle est du hourt despartie. 

B 58 b 33-35: 

Florentine la fleur des belles 

En appella ses damoiselles 

Qui douze estoient par compte faict. 

Dieser Anordnung zu Folge sollten wir bei der Abstimmung, 
an der sich nach beiden Hss. auch Florentine beteiligt, die 
Stimmenzahl 13 erwarten. A ^elangt nun in der That zu 
diesem Ergebnis: Lion erhalt 4 Stimmen ; von den ubrigen 9 fallen 
4 auf den Fursten von Tarent , 4 auf den Herzog von Calabrien 
und die 9te auf den Konig von Ungarn (67). B dagegen wird 
seiner Aussage in den Versen 58b 33-35 bei der Abstimmung un- 
treu. Vgl. 69 u.70: Hier werden samtliche Jungfrauen bei Namen 
genannt, Florentine ist einbegriffen, und trotzdem belauft sich ihre 
Gesamtzahl nur auf 12: Gamier erhalt 4, der Kaisersohn 3, der 
Furst von Tarent 3 und Lion 2 Stimmen. 

148. Einen letzten, untruglichen Beweis dafur, dass A den 
besseren, unverfalschteren und alteren Text bietet, liefert uns die 
beiderseitige Gestaltung der Sage vom dankbaren Toten (79. 81): 

Beiden Hss. zu Folge kommt der Geist des Toten, den Lion 
hat bestatten lassen, seinem Wohlthater zu Hilfe unter der Bedin- 
gung, dass der Gewinn zu gleichen Teilen beiden zufallen solle. 
Der Held erklart sich zu diesem Pakte bereit, und wie unbedingt 
zu erwarten ist und die unverderbten Fassungen der Sage auch 
beweisen (155), erscheint nach Erringung des Gewinnes in A der 
Geist, um seine Anspniche geltend zu machen. In B ist aber 
nach dem Kontrakte der beiden von diesem nie mehr die Rede. 

149. Nach unseren Erorterungen kann also B keineswegs 
Vorlage von A gewesen sein; fragen wir, ob vielleicht das um- 
gekehrte Verhaltnis zutriflft! 

150. Ist B eine Bearbeitung von A? P. Paris: Ms. frcjs. 
Ill 1 stellt dies als zweifellos hin, denn er hat, wie er sagt, in B 
vielfach die alten Verse von A unverandert wiedergefunden. Mir 
ist es nicht gelungen, unter den 10 300 von mir kopierten Versen 
der Hs. B solche zu entdecken. 

151. Auch die Thatsache, dass wir in A verschiedene Epi- 
soden finden, die in B vollstandig fehlen, spricht nicht gerade zu 
Gunsten der Paris'schen Behauptung: 

1) Der Bericht uber die 4 »verlet«, die Lion zurBewachung 



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42 

der von ihm im Turnier erbeuteten Pferde bei dem Ziele auf- 
gestellt bat (46). 

2) Die Schilderung der Jugendfrische des greisen Konigs 
Heinrich von Sicilien (46). 

3) Lions resultatloser Kampf mit dem Sohne des Konigs 
Ermin (57). 

4) Einzelheiten des Angriffs und der Verteidigung von Mon- 
terose fehlen in B (98) ; es ist dies um so auffallender , da diese 
Fassung doch gerade derartige Schilderungen liebt. 

5) Was am frappierendsten wirkt: Eine hochst augenfallige 
Episode, auf die A in grosseren Zwischenraumen wiederholt 
zu sprechen kommt , und die fur die spatere Handlung nicht un- 
wesentliche Konsequenzen nach sich zieht, ist B vollstandig fremd. 
Ich meine die Kriegslist, die Lion Angesichts der Niederlage seiner 
Leute vor Monterose anwendet, um dem Feinde Schrecken einzu- 
iagen und eine Wendung der fur die Sicilier fast verlorenen Schlacht 
herbeizufuhren. Der weisse Ritter hatte Lion und den Siciliern 
seither immer zum Siege verholfen. Vor Kurzem aber hat er sich 
wegen des unkeuschen Verhaltnisses von Lion zu Clarisse von 
diesem losgesagt. Unser Held ist um einen guten Rat nicht ver- 
legen : Einen Ritter von der Statur seines Schutzgeistes kleidet er 
ganz in weiss, giebt ihm ein schneefarbiges Ross, und die Feinde, 
in der Meinung, den weissen Ritter, ihren argsten Feind, vor sich 
zu haben, geben schleunigst Fersengeld (127). 

A 59 a 21-28 gelingt es dem Fursten vonTarent, denPseudo- 
geist zu toten (127); 

-4 59 a 36-39 bedauert Lion den Tod des blanc armez und 
lasst ihn begraben (127); 

A 60 d 26-51 nach einem grosseren Zwischenraume riihmt 
sich der Furst von Tarent Gamier gegenuber seines Streiches. 
Seine Erzahlung bestatigt der Seneschall, als der Herzog sie nicht 
glauben will (132); 

A 64 a 37-49 erzahlt der Furst von Tarent auch Lion seine 
Heldenthat, der aber antwortet ihm, dass der weisse Ritter wohl 
noch am Leben sei (135). 

A 64 c 23-48. Als endlich der weisse Ritter Lion zu befreien 
erscheint, nennt der Herzog den Fursten einen Liigner und be- 
schuldigt ihn des Verrats. Der traut kaum seinen Augen und 
beteuert wiederholt die Wahrheit seiner Aussage, der Seneschall 
habe dem Vorgange zugesehen (138). 

Ware die eben erzahlte Geschichte nicht auseinandergerissen 
und trotzdem mit der Haupthandlung so innig verquickt, fanden 
wir auf der anderen Seite Unebenheiten in der gleichzeitigen 
Darstellung von JS, so konnten wir vielleicht vermuten, der Ver- 
fasser habe die Episode von A in seinem Texte einfach gestrichen. 



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43 

Da jedoch die Handlung auch in B vollstandig glatt und ohne 
eine Spur der erwahnten Episode zu hinterlassen verlauft, so 
durfen wir der Ansicht von P. Paris, B sei eine direkte Bear- 
beitung von A, nicht wohl beipflichten. 

152. Unsere bisherigen Ergebnisse sind also folgende: 

1) A und B sind in den Hauptzugen nur wenig 
verschieden. 

2) B als Vorlage von A anzunehmen, ist unmdg- 
lich; A ist vielmehr die altere, bessere Fassung der 
Chanson. 

3) Gegen A als direkte Vorlage sprechen ge- 
wichtige Griinde. 

153. Wir gewinnen hieraus als Endresultat: 

A und B haben eine gemeinsame, altere Vor- 
lage X benutzt. 



154. Der Gruninger'sche Druck d geht zweifellos 
in letzterLinie auf -4, nicht aufJB zuriick. Inhaltlich 
ist er namlich mit .4, der altestenderuns bekannten 
Hss. unserer Chanson nahezu identisch. 



Die Sage vom dankbaren Toten: 

Das gegenseitige Verhaltnis ihrer Gestaltungen mit besonderer 
Berucksichtigung des »Lion de Bourges*. 



155. Meine Analyse des zweiten Viertels der Chanson »Lion 
de Bourges« erzahlt uns von den Schicksalen eines Junglings, der 
arm und alleinstehend trotz seiner geringen Mittel einen Toten, 
dem man die Beerdigung verwfeigert, ehrenvoll bestatten lasst, 
dem dann alsLohn fur diese edleThat derGeist des Verstorbenen 
seine Unterstutzung antragt. Nur eine Bedingung knupft der Tote 
an sein Anerbieten: Von allem Gewinn soil ihm zumSchlusse die 
Halfte zufallen. Der Held schlagt ein. — Bald gelangt er zu 
Reichtum und Ehren und in den Besitz eines geliebten Weibes. 
Da erscheint der Tote, mahnt ihn zur Erfullung des Paktes, ver- 
zichtet jedoch, als er die Bereitwilligkeit seines Schutzlings wahr- 
nimmt. — So berichtet uns »Lion de Bourges«, so oder ganz 
ahnlich lauten auch viele andere Dichtungen der verschiedensten 
Nationen des Orients wie Occidents: Marchen, Volkslieder, epische 
und dramatische Schopfungen. Alle sind sie Versionen der Sage 
vom dankbaren Toten. 



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44 

156. Von dieser, inhaltlich kurz skizzierten, in der Literatur 
der Vorzeit so beliebten und noch jetzt im Volksmunde fortlebenden 
Mare hat K. Simrock in seinem Buche: »Der gute Gerhard und 
die dankbaren Toten«, Bonn 1856 eine Anzahl Vertreter angefuhrt ; 
Nachtrage dazu bat W. Foerster in der Einleitung zu seiner Aus- 
gabe des »Richars li Biaus«, Abschnitt V zusammengestellt. 

157. Vermutungen uber die Wiege der Totensage sind von 
verschiedenen Gelehrten geaussert *). Doch fehlt noch vollstandig 
eine planm&ssige Untersuchung uber das gegenseitige Verhaltnis 
der verschiedenen Sagengestaltungen 2 ). Auch meine Aufgabe soil 
dies nicht sein, ich beabsichtige vielmehr in meinem letzten Haupt- 
teile, wie ich schon in der Einleitung bemerkte, nur die Stellung 
unserer Chanson in der Reihe der Fassungen der Totensage zu 
fixieren, womoglich die Quelle, aus welcher der Autor bei Ab- 
fassung seiner Totengeschichte geschopft hat, zu ermitteln. Die 
Auffindung dieser Quelle wurde uns wesentlich erleichtert, gelange 
es uns, aus der grossen Anzahl der Gestaltungen »Lion deBourges« 
mit einer Reihe verwandter Fassungen auszusondern und auf diese 
Weise das Gebiet, auf dem wir das Vorbild zu »Lion de Bourges« 
zu suchen haben, einzuschranken. 

158. Die Fassungen der Totensage lassen sich in der That 
leicht in zweiGruppen zerlegen: Der Jungling, von dem die 
Sage handelt, ist: 

I. Konigssohn, Frinz oder Ritter. Seinem Stande 
angemessen, erringt er die Hand der geliebten Dame 
(Konigstochter) durch personliche Tuchtigkeit, sei es: 
a) Mit dem Schwerte in der Hand beim Turnier: 

1) Die Chanson »Lion de Bourges«, 14-15. Jahrh. (vgl. 30). 

2) »Richars li Biaus* , altfranzosischer Abenteuerroman 
aus dem 13. Jahrhundert, her. von W. Foerster, Wien 1874 (Vs. 
4320-5442 enthalten die Totensage). 

3) »La Novella Di Messer DianeseE Di Messer Gigliotto*, 
her. von Alessandro d'Ancona und Giovanni Sforza, Pisa 1868. 

14. Jahrhundert (vgl. Vrde. zur Ausg. p. 5). 

1) Benfey , »Pantschatantra« I 220 ist geneigt , ihre Heimat nach dem 
Orient zu verlegen und dabei eine russische Version als Vermittlerin zwischen 
dem Morgen- und Abendlande anzusehen. Simrock, ^Deutsche Mythologiec 
II. A. p. 478 und >der gute Gerhard und die dankbaren Totenc Vorrede 
dagegen sucht die Urelemente der Sage in der ad. Mythologie, und indem 
er den Stoff mit der altgermanischen GSttersage in Einklang zu bringen 
bestrebt ist, nimmt er Deutschland als Wiege der Totengeschichte an. 
Wieder eine andere Ansicht vertritt ein italienischer Gelehrter (wahrschein- 
lich Comparetti) in der Vorrede zur Ausgabe der »Novella Di Messer Dianese 
E Di Messer Gigliottoc von Alessandro d'Ancona, Pisa 1868. Er halt es 
nicht fur richtig, wie Simrock speciell Deutschland als Ursitz zu betrachten, 
sondern schlechthin Europa. 

2) Vgl. Nachtrag. 



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4) »Uhistoire d' Olivier de Castille et d'Artus d'Algarbe** 
Nach Fr61icher, „Thuring von Ringoltingen's »Melusine«, Wilhelm 
Ziely's »01ivier vnd Artus« und ^Valentin und Orsus« etc." 
Solothurn 1889 p. 61 befindet sich dies einzig erhaltene Exemplar 
der Ausgabe aus dem Jahre 1482 auf der Bibl. Nat. zu Paris. 
Mir steht ein kaum differierendes Exemplar des Romans von 1587 
zur Verfugung. 

Die franzosische Dichtung erfuhr eine TJbersetsung ins 
Deutsche durch Wilhelm Ziely, sie erschien zurn ersten Male 1521 
bei Adam Petri in Basel. 

Dramatisch bearbeitet wurde wiederum die Ziely'sche 
tibertragung im Jahre 1556 von Hans Sachs unter dem Titel: 
»JE7m comedi mit vierzehen personen zu agieren, die trewen gesellen 
und briider, zweyer Konig son, Olwier und Artus , hat sieben 
actus*, veroffentlicht in der Ausgabe des Hans Sachs von Adelberl 
von Keller. 8. Bnd. p. 219 ff., CXXI der »Bibliothek des Litterari- 
schen Vereins zu Stuttgart*. Tubingen 1874. 

5) »Don Juan De Castro, Comedia De Lope De Vega 
Carpio*, her. von E. Hartzenbusch in der »Biblioteca de Autores 
Espanoles« t. 52. Madrid 1860. 

6) »JK Mejor Amigo El Muerto; De Tres Ingenios*, her. 
im Appendix zu dem fur 5) erwahnten Bande. 

7) »Sir Atnadas«, mittelenglisches Gedicht bei H. Weber: 
^Metrical Romances etc.« t. III. Das einzige fragmentarisch er- 
haltene 1 ) Manuscript stammt nach Weber t. I p. LX aus dem 
Ende des 15. Jahrhunderts. 

8) *Rittertreue*, mittelhochdeutsches Gedicht; von V. d. 
Hagen: »Gesammtabenteuer« I No. VI, her. nach der grossen 
Heidelberger Erzahlungen-Hs. des 13-14. Jahrhunderts 2 ). 

b) Im KampfegegenUngeheuer oderZauberkraft: 

1) Armenisches Marchen: Ben fey: Pantsch. I p. 219 ff. 

2) Zigeunermarchen bei Paspati: »Etudes sur les Tschin- 
ghianes ou Bohemiens de TEmpire Ottoman*. Constantinople 1870 
p. 601-605. 

3) »Der blinde Konig*, Marchen bei Simrock No. 9. 

c) Durch geistige Vorziige oder List: 

1) Englisches Marchen bei Benfey: ^Orient und Occident* 
II p. 327 f. 

2) Ddnisches Marchen ib. Ill p. 99. 

3) Ddnisches Marchen ib. Ill p. 100. (Der Held ist aus- 
gedienter Soldat). 

4) Isldndisches Marchen ib. Ill p. 101 f. 

5) »Gedanken crraten*, Marchen bei Simrock No. 10. 

1) Der An fang fehlt. 

2) Eine ebenfalls zu Gruppe la gehSrige 1265—1270 geschriebene , alt- 
schwedische VerBion unserer Sage konnte leider keine Berucksichtigung mehr 
finden. Vgl. Hippe: »Untersuchungen zu der me. Romanze von Sir Amadas. 
I. Die Fabel des Gedichtes«. Braunschweig 1888. p. 18 u. 41, sowie Nachtrag. 



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II. Kaufmannssohn (einmal Metzger). Ganz 
naturgemdss bereitet er sich sein Glilck nicht mit 
der Klinge, seine Waffe ist das Geld; dementspre- 
chend kauft er seine kiinftige G emahlin aus Ski a v en- 
band en I os. (Man vgl. hierzu die unter 156 angefuhrte Litteratur). 

159. Dass raeine Einteilung in zwei Gruppen gerechtfertigt ist, 
beweisen noch andere, charakteristische Unterschiede der dutch die 
Gruppierung gesonderten Gestaltungen. Als besonders interessant 
hebe ich noch hervor: Der Held in I reist meist zn Lande, denn 
mit dem Ritter ist das Ross eng verbunden. Die charakteristische 
Erscheinung des Kaufmanns aber ist der Grosskaufmann, der uber 
See Handel treibt, daher finden wir den Helden in II fast durch- 
weg zu Schiffe. 

160. Da »Lion de Bourges« Gruppe I angehort, speciell deren 
Unterabteilung a, so beschaftige ich rnich lediglich mit la, das 
heisst mit den Gestaltungen, deren Held, ein Rittersmann, imTurnier 
die Konigstochter zu gewinnen weiss. Dem Zwecke meiner Unter- 
suchung zu Folge werden jedoch aus diesem beschrankten Kreise 
zunachst nur solche Gestaltungen heranzuziehen sein , die mit 
»Lion de Bourges* allein wesentlichere Zuge gemein haben, deren 
Verwandtschaft mit unserer Chanson somit als unzweifelhaft er- 
scheint. Die letzte Bedingung erfullt aber, wie nachstehend gezeigt 
werden soil, nur »Richars li Biaus*. Er und unsere Chanson 
werden daher im Hauptteile allein eine Behandlung finden; die 
(ibrigen Vertreter der Gruppe la sollen in einem Anhange be- 
sprochen werden. 

161. Die gemeinsamen Zuge des »Richars li Biaus« und 
»Lion de Bourges« , die nur diesen beiden Dichtungen angehoren 
und ihnen dadurch den Stempel der nachsten Zusammengehorig- 
keit aufdriicken, sind folgende: 

1) Wahrend in alien Fassungen ausser »Lion de Bourges« 
und »Richars li Biaus« der Geist den Helden nur dadurch unter- 
stiitzt, dass er ihm auf wunderbare Weise eine Kriegsausstattung, 
seien es nun Waffen, Pferde oder ein prachliges Gefolge aus der 
Geisterwelt verschafft, beschirmt in diesen beiden Dichtungen der 
Tote seinen Schutzling personlich, wahrend der ganzen Dauer des 
Turniers sowie in spaterer Not und Gefahr umschwebt er ihn als 
Schutzgeist, gewandter in der Fuhrung der Waflfe als irgend ein 
Sterblicher. 

2) Das Turnier hat in beiden Fassungen einen ganz ahn- 
lichen, aber von den anderen Versionen differierenden Verlauf: 
Uber alle Gegner tragt der Jungling den Sieg davon , sodass ihm 
der Preis zuzufallen scheint. Das erregt den Neid und die Miss- 
gunst der Gedemutigten , die, um Rache an dem jungen, that- 
kraftigen Recken zu nehmen, gemeinsam seinen Tod beschliessen. 
Die Verschworer greifen den Jungling an, und es ware sicher um 



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ihn geschehen gewesen, hatte ihn nicbt der weisse Ritter aus der 
bedrangten Lage befreit (vgl. RIB 4859 ff., LdB 41-49). 

3) Noch einige kleinere, aber originelle Zuge beider Ge- 
dichte verdienen hier Erwahnung: 

a) Beide bezeichnen ubereinstimmend als ersten Turnier- 
tag den Donnerstag: LdB d 37 a 14 ff. sagt der Wirt spottend 
zu seinem unbemittelten Gaste, der ihn veranlassen will, den 
Leichnam aus dem Rauchfange zu entfernen: »Die gewonheit 
sollent ir nit ab thuon bisz duwderstag wan ir vnser junckfraw 
koufft«. Vgl. RIB 4689 ff. 

b) Der Jiingling wird wegen seiner mangelhaften Aus- 
rustung verspottet. LdB 39, RIB 4448 ff. und 4402 ff. 

c) Die Geliebte des Helden (Florentine im »Lion de 
Bourges«, Rose im »Richars li Biaus«) bedenkt ihren Brautigam 
mit reichen Geschenken. LdB 57, RIB 5065 ff. 

162. Ganz verschieden von alien anderen Versionen verfahren 
die beiden altfranzosischen Dichtungen samt der italienischen 
Novelle in der Auffassung der Person des Geistes, seines Paktes 
und der Erfullung dieses Kontraktes. In »01ivier von Castilien* 
und seinen Bearbeitungen , sowie in »Sir Amadas« und »Ritter- 
treuec ist das Verhalten des Geistes seinem Schutzbefohlenen 
gegenuber nichts weniger als offenkundig. Allerdings hat sich der 
Held verpflichtet , mit seinem Beschutzer den ganzen Gewinn zu 
teilen, aber er denkt nicht, dass der Tote an ihn das Verlangen 
stellen konnte, auch seine Gattin, seine Kinder ihm zurHalfte ab- 
zutreten; vermittelst einer Klause], die der Jungling nicht ahnt, 
bringt ihn der Geist, wenn auch nur zum Scheine, in Verlegen- 
heit, sein Teuerstes zu verlieren. — Anders in »Lion de Bourges«, 
»Richars li Biaus« und der italienischen Novelle. Die Halfte des 
Gewinnes ist dem Toten versprochen, und er ist befriedigt, dass 
ihm sein Schiitzling den einen Teil uberlassen will, sei es nun 
die Jungfrau oder das Gut. — Zeigen nun diese fundamental ver- 
schiedenen Auffassungsweisen der Versionen auch nicht wie die 
vorher genannten drei Punkte, dass die beiden franzosischen 
Gedichte unmittelbare Verwandtschaft verbindet, so beweisen sie 
immerhin eine scharfe Scheidung dieser zwei Dichtungen von 
den anders lautenden Fassungen. 

163. Aus der bisherigen Darlegung gewinnen wir den Ein- 
druck, dass in Betreff der Sage vom dankbaren Toten »Lion de 
Bourges« und »Richars li Biaus« in einem durch keine der be- 
kannten Gestaltungen vermittelten Verwandtschaftsverhaltnis stehen. 

164. Die Ubereinstimmungen des »Lion de Bourges« und 
»Richars li Biaus« beschranken sich jedoch nicht auf die nackte 
Totensage, auch der ubrige Text hat mancherlei Parallelen auf- 
zuweisen : 

165. Vorerst miissen wir beider Komposition als eine gleich- 
artige bezeichnen. Den Grundstock der Gedichte bilden zwei un- 



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abhangige Erzahlungen, die Geschichte eines Findelkindes , das 
seine Eltern sucht und nach mannigfachen Abenteuern mit ihnen 
wieder vereinigt wird, und die oben erorterte Sage vom dank- 
baren Toten. 

166. Bei gleichem Aufbau finden wir aber auch im Ein- 
zelnen Ubereinstimmungen: 

167. Beide Helden haben durch ein ungluckliches Schicksal 
mit ihrer Geburt ihre Eltern verloren. Im Walde, ganz verlassen, 
werden sie von einem Tiere beschutzt und gesaugt. (LdB d 8 f , 
RIB 613 ff.). 

168. Bei naherer Besichtigung des Knableins entdeckt man 
an ihm ein Kreuz (nach »Richars li Biaus« 2 Kreuze) und halt 
dies fur ein Zeichen seiner vornehmen Abkunft: 

LdB d8d2ff. RIB 665 ff. 

da sprach der ritter so mir sant Dist la dame: »Je ne puis croire, 



Martin ich sihe ein grosz wunder in 
der starcken lewin | daz sie vmb des 
kindes willen sich so bedrublich stel- 
let | ich sih des bed u ten ein 
rot c r u t z | so mir der got der wein 
vsz wasser macht | sprach der ritter. 
dazkindistkumenvonhohem 
geschlecht. es ist eins kiinig 
oder ein s hertzogefi|odersust 
eins fiirsten kind 

169. Auffallende, zum Teil wortliche Ubereinstimmung zeigt 
auch die Scene, in welcher der Jungling von seinem Pflegevater 
erfahrt, dass er nicht sein leiblicher Sohn ist: 



»Que chilz ne soit de haute 

estoire, 
>I1 est dignes de haute tablec 
Puis regarde desour P e a p a 1 e 
Dessour la dies tie uoit .II. 

crois. 
»Dieu8«, dist elle, »chilz sera rois!< 



LdB d 28d 28 ff. 
da sprach Badewin | so mir vnser 
here got | du bist nit mein sun | 
warumb solt ich dir liegen ich 
kunde dir nit gesagen wer 
dein vatteroder muoterseind. 
ich fand dich in einem walde bei 
einer lewinne. 

d 29a 5 ff. 
ja sprach Baldewin so mir der al- 
mechtig got | vnnd zoch vsz der 
kisten das seidin tuchlin dar inne er 
dew Lewen in dem walde fant. L e w e 
sprach Badewin | in dem tiich- 
lin warst du gewickelt | da 
ich dich in dem walde fant. 

d 29a 25 ff. 
da Lewehorte das er Bade- 
weins sun nit was | ir muogent 
wol celoben das es in ser be- 
k u ra b e r t | von grossem hertzleiden | 
schosze im sein nase vber | er nam 
das tuchlin in sein hant vnnd 
kusztes vber hundert fert. 



RIB 747 ff. 
»Qui sui ie dont et en quel terre 
»Porrai ie mere et pere querre?« 
— »Chierte8c, fait li qnens »ie 

nesai, 
»Mai8 ce sai ie c'un iour alai 
»Par .1. matin u boz cachier, 
»En ma main tinch .1. dart d'achier. 
».I. chierf esmuch de .XVI. rains, 
»De lui te rescous a mes mains. 
>Si te trouuay tout esseule, 
»D'un biel sidone enuolepe 
»Et d'un tissu a or I oiie t.< 

768 ff. 
QuantlenfeslevoitjS'aplore, 
Le sydone a tout raaintenant 
Baisiet .VII. fois en .1. tenant, 
Pleure des yelz, de cuer souspire, 
Nus ne poroit de bouche dire 
Le duel que fait Richars li biaus. 



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170. Von der Stunde an, da der Jungling erfahren hat, dass 
er seine rechten Eltern nicht kennt, halt es ihn nicht langer im 
Schlosse seines Pflegevaters. Seine Absichl, die Eltern in fernen 
Landen zu suchen, teilt er dem Erzieher mit : 



LdB. d 29 b 9 ff. 
her sprach Lewe es sol anders 
gen | dann so mir got der die welt 
geschuoffe I ich sol n tinier geru- 
gon noch gerasten | die weile 
ich lebe | ich hab vch iiwer guot by 
eiuem heller wider geben | d i e w e i 1 e 
ir mich so guottlich erzogen 
h o n t ich wil es vch wider geben | 
es kume her wo es wolle | vnnd wanw 
ich vch bezale |sowilichnumer 
ruwe ge win new | ich hab da nw 
vatter vnnd mnoter wider 
fun den. 



RIB. 781 tf. . 
»Sire,c dist Tenfes tous iries, 
•Plus de v. c. miercis aiies 
>De tous les bi ens que m'aves fait, 
>Mai ie uous di tout entresait 
»Que ie iamais plus d'unne 

nuit 
»Ne pour sol as ne pour ded uit 
»En .1. castiel ne seiourrai 
»Dessi atant que iou arai 
»Vraye8 nouuielles de ma 

mere 
»V que saurai qui est mes 
perec 



171. Der Jungling geht zur Messe und erbalt dann von seinem 
" ~"' chli ^ 

RIB. 827 ff. 
QuantRichars otlamesse o y e, 
L'ofrande n'entr'oublia mie, 
Vient u palais, u on estent 
.1. cendal sour le pauement, 
Sur coi Richars fu adoubes. 
Li quens li chaint lespee au les, 
Et le diestre esporon li cauche, 
En apries sa diestre main 

hauche, 
S'en donna Richart la colee. 



Pflegevater den Ritterschlag : 

LdB d 30c 14 ff. 
nach der mesz tet Lew seinen 
harnasch an | das pantzer waz ser 
rostig im gebrast pantzerring an 
manchem end. er thet seinen helm 
vnnd sporen an | vnnd nam sein 
schwert in sein hand I das sere rostig 
was | vnwd sasz vff sein pferd | seinen 
schilt nam er fur sich vnd die glene. 
Badewin gab im einen streich 
vnnd sprach Lew ich mach 
dich ritter. 



172. V. 1329 ff. befreit Richard die Schlossdame von Mirmandie 
aus den Handen eines Riesen, der sie gegen ihren Willen heiraten 
will ; ein ahnliches Abenteuer berichtet »Lion de Bourges« : 



LdB. d 100 c 19 ff. 
.... da Lew wider vnib reit vnnd 
fuort mit im cristen kouffleiit | vnnd 
kam vff ein insele die hiesz Rade 
darumb stunt ein burg | da het 
ein risz einschdneiunckfraw 
darin beachlossen | vnnd het ir 
ir land alles verwust vnd darzuo 
iren vatter erschlagen vnd wolt sie 
danocht zwingen das sie in solt 
nenien | aber sie was nie keinem 
man so fient. 



RIB. 1329 ff. 
»Car pries de chi a .1. castiel 
>Sour une roche haut et biel. 
»Dame en est une damoisielle 
»Mout auenans, courtoise et 

bielle; 
»As8egie estd'un grantgayant 
»Qui toute iour li ua brayant, 
»Que s'elleamari ne le prent, 
»Qu 1 il li metra trestout au uent, 
»Li et sa terre tout en sa ruble. 



173. Fast wortlich iibereinstimmend in den bciden Gedichten 
ist die Scene der Wiederfindung von Mutter und Sohn. Sie 
erkennt ihn an dem seidenen Tuche, in das sie das Knablein 

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gleich nach seiner Geburt gewickelt hat, und das er nun als 
Jungling bei sich tragt. 



LdB. d 116 a 38 tf. 
als sie das pletzlin sab da 
riefft sie mit lautter stimmen 
das ist das pletzlin da ich euch in 
wicklet da ich euwer in dem wald 
genasz damit fiel sie ireni sun vmb 
seinen halsz | kiiszte vnd helszt in | 
vnd fiel aber von frQden in 
anmacbt. 



RIB. 2338 ff. 
Quant elle le uoit, si cbiet 

outre 
P a s in e e , car elle connoist 
Le sydone que chilz tenoit. 
Quant elle uint de pasmison, 
Si s'escria a in out haut ton: 
»Dieus!« dist elle, ♦c'est chi mes 
fieus.« 



174. Rauber sind in den jungsten Auslaufern des Epos keine 
Seltenheit. Ein Vermachtnis des griechischen Romans fehlen sie 
nur vereinzelt zur Ausschmuckung der Fabel, und ich wurde die 
beiden Rauberscenen in unseren zwei Dichtungen als Beweis- 
rnittel fur ihre Verwandtschaft nicht ins Feld fiihren, hatte ihr 
Verlauf nicht eine solch frappante Ahnlichkeit aufzuweisen : 

175. Lion ist mit Clarisse auf der Flucht von Schloss Rege 
begriffen. Richard durchzieht mit seinen Genossen den Wald. 
Nach langer, ermudender Reise sehnen sich die Wanderer nach 
einer Herberge und begriissen mit Freuden die Zinnen einer Burg, 
welche sich in der Feme ihren Blicken zeigt. — Rauber bewohnen sie. 

176. Der Hauptmann fordert die Reisenden auf, von seiner 
Gastfreundschaft Gebrauch zu machen. Sie leisten der Aufforderung 
Folge; besser hatten sie es nicht gelhan: 

LdB. A 53 c 15 ff. RIB. 3328 ff. 

Car cestui chaistialz dont je Richars i entre o sa niesnie — 



Or le garisse Ihesu Cris! 
Carentrop niais ostels'est mis, 
Se dieus n'en pense et sa uiertus, 
Cascuns sera anuit pierdus. 



fais parlement 
A uoit .XI 11. lair on que en bois 

Uen souuant 
Destroboiewt marcharopz asses vil- 

lainnenjent 
Passer ne poioit homme (que) 
ne morut a tormens. 

177. Lion wird mit Clarisse in einen Saal gefuhrt, dessen 
Wande uber und uber mit Waflfen undBlut bedeckt sind ; das erregt 
seinen Verdacht. — Richard erfahrt von seinem Knappen, der 
das Gesprach des Rauberhauptmanns mit seinen Leuten belauscht 
hat, was diese gegen ihn und seine Begleiter im Schilde fuhren. — 
Die Gaste setzen sich daher in voller Rustung zu Tische. 

178. Nunmehr eroffnet ihnen der Anfuhrer der Bande seine 
wahre Absicht. 



LdB. A 53 d 26 ff. 
Per ma foid (sai)dit li maistre il vous 

fault festoier 
Car notts vows ossirons sans auoir 

recourier 
Pues ferons nous volloir de vous 

belle moullier 
Je me volrait ewneut delle sollaicyer. 



RIB. 3382 ff. 
Dist Millez: »Je uois pourcachant 
»La uostre grant mesauenture, 
»Ain8 si piesme ne ains si dure 
>Ne uistes mais en uostre uie; 
»Car uous et toute uo mesnie 
»Ains nuit seres mout tourmentez.c 



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179. Aber der Held bleibt den Raubern nicht lange eine 
Antwort schuldig, mil wuchtigem Hiebe streckt er ihr Oberhaupt 
zu Boden. Den ubrigen Banditen ergeht es nicht besser. — Der 
Held speist und ubernachtet in ihrem Schlosse. 

180. RIB 3467 ff. Nachdem Richard in der Burg sich gutlich 
gethan hat, kehren zwei R&uber mit reicher Beute zuruck und 
bitten ihn, im Glauben, Miles, ihren Meister vor sich zu haben, 
um Einlass. Richard giebt ihnen den verdienten Lohn. — Das 
unmittelbar vorhergehende Abenteuer erzahlt von zwei Vasallen, 
die ihren Herren totlich verwundet haben, um seiner Gattin un- 
gestraft Gewalt anthun zu konnen. Richards Knechte r&chen die 
Schande des sterbenden Ritters an den Verratern. Die Dame 
wird Aubri's Gemahlin, der einer von Richards Begleitern ist. 

Vgl. hierzu LdB A 53 d (116): Wahrend Lion sich mit den 
Raubern schlagt, wird Clarisse, seine Gefahrtin, von dreien in 
den Wald entfuhrt. Durch ihre lauten Klagen angelockt, er- 
scheint ein Ritter, der mit Hilfe seiner Knappen die Dame befreit. 
Clarisse, die Lion fur tot halt, willigt in die Verbindung mit ihrem 
Befreier ein. 

Finden wir die Episode in »Richars li Biausc auch in zwei, 
allerdings sehr benachbarte Scenen zerlegt, so lasst sich doch eine 
grosse Ahnlichkeit von Stoff und Darstellung auch an dieser Stelle 
der beiden Dichtungen nicht verkennen. 

181. Aus der Einleitung (8) kennen wir die Bedeutung des 
zu Bourges aufbewahrten Homes. Dem wunderbaren Home des 
»Lion de Bourges* entspricht im >Richars li Biausc (V. 1785 ff.) 
eine Armbrust, ebenfalls Vermachtnis des Vaters. Als Richard, 
um die Herrin des Schlosses Mirmandie gegen die Gewaltthatig- 
keiten eines gayant zu schutzen, nach einer Waffe verlangt, er- 
klart ihm die Dame: 

RIB 1788 ff. ».I. arbalestre a en ma cambre 
»Et .1111. quariaus acerez, 
»Mai*8 ia cuich ne le tenderez; 
»Car ainc puis que fu mors mes pere, 
»Nel pot tendre dub hons de mere.* 

Richard spannt die Waffe und totet den Riesen. 

182. Gegenuber den im Vorhergehenden angefCihrten, ziemlich 
zahlreichen Cbereinstimmungen des »Lion de Bourges und »Richars 
li Biausc haben wir im »Richars li Biaus« nur eine ganz geringe 
Anzahl wesentlicher Episoden, die im »Lion de Bourges* entweder 
ganz fehlen oder durch andere ersetzt sind. »Lion de Bourges* 
ganz fremd sind: 

1) Die Scene mit dem Ritter, der Richard die Benutzung 
einer Quelle verbieten will. Vs. 929-1151 u. 1152-1286. 

2) Der Zweikampf zwischen Vater und Sohn (V. 3493 ff.) 
verbunden mit der eigentumlichen Art des Erkennens (V. 3690 ff.). 

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183. Die einzige grossere Partie, welche »Richars li Biaus« 
ganz verschieden von »Lion de Bourges« berichtet, ist die Einleitung : 

RIB 1-695. Der Konig von Frise bekommt noch in hohem 
Alter mil seiner Frau Claris^e eine Tochter, die den Namen der 
Mutter erhalt. Trotz aller Vorsichtsmassregeln des Vaters wird 
sie, zur bluhenden Jungfrau herangewachsen , von einem Ritter 
Loys li preus verfuhrt und gebiert einen Sohn, der auf Befehl 
des erbosten Konigs von zwei Rittern im Walde umgebracht 
werden soil. Die beiden haben Erbarmen mit dem Knablein und 
uberlassen es seinem Schicksal. 

»Lion de Bourges« setzt ganz anders ein (vgl. Einl. 11), das 
kann uns aber nicht wundern, denn wir wissen ja, dass hier 
»Huon de Bordeaux* unserer Chanson zum Muster gedient hat. 

So verschieden nun auch der Stoff beider Einleitungen sein 
mag, ein Bestreben haben sie immerhin gemein: Sie steuern beide 
auf das gleiche Ziel zu , den Helden ganz seinem Schicksale preis- 
gegeben das Licht der Welt erblicken zu lassen. 

184. lm Ubrigen lassen sich zu alien Hauptepisoden des 
»Richars li Biaus«, sehen wir von seinen zahlreichen Wieder- 
holungen ab, Parallelstellen im »Lion de Bourges« nachweisen. 

185. Die Ergebnisse, zu denen der letzte Teil meiner Arbeit 
gefuhrt hat, sind also folgende: 

I. »Lion de Bourges« und »Richars li Biaus« ent- 
halten beide Gestaltungen der Sage vom dankbaren 
Toten, und zwar hebt sich die Fassung dieser Sage, 
wie sie in beiden Gedichten vorliegt, von alien an- 
deren Versionen durch originelle Ztige ab. 

II. Bei gleicher Komposition der Dichtungen 
findet sich im Gesamtstoff eine Reihe zum Teil wort- 
licher Ubereinstimmungen. 

III. Die stofflichen Abweichungen des »Richars 
li Biaus« sind sehr gering an Zahl. 

186. Es ergeben sich hieraus fur das gegenseilige Verhaltnis 
beider Gedichte zwei Moglichkeiten : 

I. Die eine der Dichtungen ist von der anderen 
direkt abhangig. 

II. Beide gehen gemeinsam auf eine uns unbe- 
kannte Quelle zuriick. 

Suchen wir auch diese Frage zu entscheiden. 

187. Ist »Richars li Biaus« als Vorlage des »Lion 
deBourges« anzusehen? Dem steht von vorn herein nichts 
im Wege, denn dass eine Chanson de geste sehr wohl aus einem 
Abenteuerroman geschopft haben kann, beweisen die unzweifel- 



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53 

haflen Entlehnungen der Chanson »Garin de Monglanec aus dem 
Abenteuerroman »Durmart« '). 

188. Nehmen wir also an, »Lion de Bourges« habe den 
»Richars li Biaus* benutzt, dann ware die Arbeit des Autors ge- 
wesen, die Wiederholungen. von denen »Richars li Biaus« strotzt, 
zu streichen, die Episoden umzustellen (denn die Reihenfolge der 
Scenen ist in beiden Dichtungen verschieden), ihre Aufeinanderfolge 
zu motivieren und zwar in der Weise, dass sie zu der ubrigen 
Handlung passten. Ein derartig kompliziertes Verfahren konnen 
wir aber dem Verfasser einer Chanson de geste nicht wohl zu- 
trauen. 

189. Die Fassung der Totensage in den beiden Dichtungen 
endlich zeigt uns deutlich, dass »Richars li Biaus« unserer Chanson 
nicht zum Vorbilde gedient haben kann. Die grosse Mehrzahl 
aller Versionen lasst den Geist mit der Forderung um Erfullung 
des Paktes auftreten, jedenfalls alle die, welche in den engeren 
Rahmen dieser Untersuchung gehoren (la). Richard dagegen bietet 
dem weissen Ritter das ihm zugesprochene Teil aus freien Stucken an, 
und die Dichtung steht mit dieser Losung ganz isoliert. Nehmen 
wir nun an, »Lion de Bourges« habe den »Richars li Biaus« be- 
nutzt, dann musste ein aussergewohnlicher Zufall im Spiele gewesen 
sein, der bewirkt hatte, dass »Lion de Bourges« die Lesart seiner 
Vorlage anderte und zwar so anderte, dass diese resultierende 
Version mit der der ubrigen Fassungen ubereinstimmte. 

190. »Richars li Biaus« kann also nach diesen Aus- 
fuhrungen unserer Chanson nicht zur Vorlage gedient 
haben; sollteumgekehrt »Richars li Biaus« nach »Lion 
de Bourges« verfasst worden sein? 

191. Bei dieser Frage stossen wir yon vorn herein auf eine 
Schwierijjkeit in der Chronologie der Texte. »Richars li Biaus« 
wird mit ziemlicher Sicherheit in das 13. Jahrhundert gesetzt, 
wahrend die altere Hs. A unserer Chanson nicht fruher als im 
14. Jahrhundert entstanden sein kann (vgl. 30). Dahingegen haben 
aller Wahrscheinlichkeit altere Fassungen oder wenigstens Hss. des 
»Lion de Bourges« existiert (30). Fraglich ist es aber, ob diese 
nicht noch junger waren als »Richars li Biaus«. 

192. Kann uns somit die Chronologie keinen befriedigenden 
Aufschluss geben, so vermag dies um so zuverlassiger die folgende 
Thatsache : 



1) Vgl. E.Stengel, Groebers Zeitschrift fur romanische Philologie (1882) 
VI p. 404 ff. — A. Stoeriko: Uber das Verhaltniss der beiden Romane 
»Durraart« und »Garin de Monglanec. Marburg 1888. (Ausgaben und Ab- 
bandlungen aus dem Gebiete der romanischen Philologie, veroffentlicht von 
E. Stengel. LXXVII). 



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54 

Alle Beeinflussungen des »Lion de Bourgesc durch »Huon de 
Bordeaux*, die wir in der Einleitung nachgewiesen haben, fehlen 
in »Richars li Biaus«: 

I. Die Einleitung (vgl. 11 und 183). 

II. Die Person des Gefahrten unseres Helden (vgl. 12). 
Richard hat 2 Gefahrten, auch trifft er sie nicht in fremdem 
Lande, sondern er fuhrt sie mit sich aus der Heimat. 

III. Des Helden Untreue und ihre Bestrafung durch den 
Geist (vgl. 13) fehlt in »Richars li Biaus«. 

IV. Dem Wunderhorn zu Bourges, einem Abbilde von 
AuberonsZauberhorn (entstanden vielleicht auch unter Mit wirkung 
der Haveloksage, vgl. 14) entspricht im »Richars li Biaus« eine 
Armbrust mit 4 Pfeilen (vgl. 181). 

Nun lehit uns aber die Erfahrung, dass der Verfasser eines 
Abenteuerromans , so zahlreich und verschiedenartig auch seine 
Quellen sein mogen, seine Vorlagen doch in fast unveranderter 
Gestalt in sein Werk aufnimmt. Hatte daher »Richars li Biaus« 
den »Lion de Bourgesc benutzt, so wiirde auch er ohne Zweifel 
die in unserer Chanson mit der ubrigen Handlung so vollstandig 
verschmolzenen Entlehnungen aus »Huon de Bordeaux« nicht 
ausgeschieden haben. Und vorausgesetzt , es hatte dies in seiner 
Absicht gelegen, so ware es ihrn kaum in so vollem Masse gelun- 
gen, dass keine Spur dieser Einwirkungen stehen geblieben ist. 

193. Unsere Erwagungen fuhren daher zu dem Schlusse, dass 
keine der beiden Dichtungen der anderen direkt vorgelegen hat, 
und unser Endergebnis lautet nach 186: 

194. »Lion deBourges« geht, was die Sage vom dank- 
baren Toten und eine grosse Anzahl der anderen 
Episoden des »Richars li Biaus« anbetrifft, mit 
»Richars li Biaus« auf eine uns unbekannte geniein- 
same Quelle zuriick 1 ). Neben dieser unbekannten 
Vorlage aber ist die Zehn-Silbner-Redaktion des 
»Huon de Bordeaux« auf die Gestalt der Totensage 
inunsererChanson, sowieanderer, in der Einleitung 
zu meiner Arbeit erwahnter Partien von unverkenn- 
barem Einflusse gewesen. 



1) Au8serlich erklart sich die Benutzung einer gemeinsamen Quelle 
daraus, dass beide Dichter Landsleute waren: Die urspriingliche Mundart 
des »Richar8 li Biaus< ist die burgundisch-lothringische; deuiselben Gebiete 
gehoren die Verfasser von A und B unseres Textes an. 



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55 



Anhang. 

In dem letzten Teile meiner Untersuchung habe ich mich aus 
vorstehend angefuhrten Grunden auf die Gegenuberstellung zweier 
Gesfaltungen der Sage vom dankbaren Toten beschrankt. Hier 
moge auf die ubrigen Fassungen der Gruppe la (vergl. 158) naher 
eingegangen werden. 

Eine von »Lion de Bourges* und »Richars li Biaus« wesent- 
lich abweichende Version der Sage vom dankbaren Toten enthalt 
der franzosische Roman: 

*L'histoire d f Olivier deCastille et cT Artus d 1 Algarbe* (vgl. 158 la 4) 
(Inhaltsangabe bei Frolicher a. a. 0. p. 65-66). 

Audi er ist gleich »Lion de Bourges« und »Richars li Biaus« 
eine Kompilation verschiedener Sagenstoffe — seinen hauptsach- 
lichen Bestand neben der Totengeschichte bildet die Freundschafts- 
legende des Amis und Amiloun — ; wahrend aber in »Lion de 
Bourges« und »Richars li Biaus«, mogen die beiden Dichtungen 
noch so viele fremde Einflusse empfangen haben , die Totensage 
eine ununterbrochene Darstellung findet, vvird sie in »Olivier und 
Artus« otters gestort durch Scenen der Freundschaftslegende. 

Wie die Einkleidung der Totensage in »01ivier und Artus«, 
so unterscheiden sich auch ihre einzelnen Glieder von »Lion de 
Bourgesc und »Richars li Biaus« : 

Die Unterstutzung des Jungslings vollzieht der Tote nicht mit 
eigener Hand, sondern nur indirekt durch Schenkung von Rustung 
und Gefolge. — Allerdings ist auch in diesem Romane lang und 
breit von einem Turnier die Rede, doch verlauft es ganz anders 
als in den vorbesprochenen Gedichten. — Gleichfalls im Gegensatz 
zu diesen beiden Fassungen hat es der weisse Ritter des »01iyier 
und Artus« von vorn herein darauf abgesehen, seinen Schutzling 
mit ausserster Grausamkeit anf die Probe zu stellen. — Originell 
zeigt sich der Roman in der Verknupfung der Totensage mit der 
voraufgehenden Handlung: In »Lion de Bourges«, »Richars li 
Biaus«, »Sir Amadas«, »Rittertrene«, kurz alien Versionen von la 
ausser »01ivier und Artus« zieht der Held in die Frenlde, weil er 
zu Hause all sein Geld und Gut vergeudet hat und im unbekannten 
Lande seine zerriitteten Vermogensverhaltnisse aufzubessern ge- 
denkt. Hier verlautet von dem verschwenderischen Treiben 
des Junglings nichts; Olivier sucht den ehebrecherischen Liebes- 
vverbungen seiner Stiefmutter aus dem Wege zu gehen, und allein 
aus diesem Grunde verlasst er heimlich den Hot' seines Vaters. 

Eine ganz eigentumliche Wendung des »01ivier und Artusc 
sowie seiner Bearbeitungen (158 la 4-6) ist auch die folgende: 



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56 

Olivier kennt seinen Beschutzer bereits, als dieser noch unter den 
Lebenden weilt; es ist der Mann, mit dem er auf seiner Fahrt 
von dem Heimatland enge Freundschaft schliesst. Ihr Fahrzeug 
erleidet Schiffbruch, beide retten sich aus den Wogen; doch 
w&hrend der Held der Erzahlung keinen Schaden genommen hat, 
wird sein Begleiter bald vom Tode hinweggerafft. - Olivier lasst 
ihn spater bestatten. — Diese letzte Version scheint mir entschieden 
eine Entstellung zu sein. Seinen verstorbenen Freund zu beer- 
digen ist doch Pflicht und Schuldigkeit eines jeden und nicht ein 
Verdienst, zu dessen Belohnung man die Geisterwelt aus dem 
Grabe treibt. 



Zwischen den sich ziemlich schroff gegenuberstehenden Ge- 
staltungen, »Lion de Bourges« und »Richars li Biaus« auf der 
einen, »01ivier und Artus« mit seinen Bearbeitungen auf der an- 
deren Seite, nehmen zwei Versionen eine vermittelnde Stellung 
ein. Teils haben sie Zuge, die mit »Lion de Bourges« und 
»Richars li Biaus«, teils solche, die mit ^Olivier und Artusc uber- 
einstimmen : 

I. » Hitter treue« (158 la 8). 

Wie bereits oben bemerkt, ist die Verarmung des Helden, 
hervorgerufen durch sein verschwenderisches Leben, der Grund 
zu seiner Abreise. Wie gleichfalls erwahnt, unterscheidet sich 
^Olivier und Artusc durch Fehlen dieses Zuges von den anderen 
Gestaltungen, somit auch von »Rittertreue«. 

Dahingegen ist das Verhalten des Geistes das Gleiche wie in 
»01ivier und Artus«: Der Tote verlangt auch die Halfte derFrau. 

Eigentiimlich sind in »Rittertreue« die folgenden Zuge: Der 
Held wiinscht sich zum Turnier vor allem ein treffliches Streit- 
ross; doch ist er sehr eigen in seiner Wahl, keines will ihm recht 
behagen. Da erscheint der Geist auf prachtvollem Pferde, es ist 
ganz nach des Junglings Geschmack, und der Tote iiberlasst es 
ihm. — Allein von alien Fassungen bezeichnet »Rittertreue« den 
Glaubiger als Munzherrn. 

V. d. Hagen : »Gesammtabenteuer« I. XCVII stellt die Abhan- 
igkeit des mhd. Gedichtes von »Lion de Bourges« als zweifellos hin. 
"ach den oben angefiihrten Punkten miissen wir jedoch anderer 
Ansicht sein. Dazu passen die Stellen, welche er p. XC1X als 
tJbereinstimmung unserer Chanson mit »Rittertreue« bezeichnet, 
ebenso gut auf »Richars li Biaus« : Auch hier haben wir »einen 
Pflegevater anstatt des rechten«, auch hier befmdet sich die Leiche 
an einem »edleren Ort als im Miste« (vgl. RIB 4342 ff.), auch hier 
ist die Bedingung ^minder hart«. 

Wenn endlich der namliche Gelehrte p. C bemerkt: »Unser 
Deutsches Gedicht schliesst mit der Bewahrung und Belohnung 



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57 

der Rittertreue einfach ab, wahrend der Franzosische Roman da- 
neben noch durch die eheliche Untreue geht«, so spricht dieser 
Passus geradezu gegen eine Entlehnung des inhd. Gedichtes aus 
>Lion de Bourges« , denn unsere Chanson geht als die einzige 
Fassung durch die eheliche Untreue, auch kennen wir aus der 
Einleitung die Quelle dieses Motivs, es ist »Huon de Bordeaux«. 

Die Ubereinstimmung des mhd. Gedichtes mit »01ivier und 
Arius« bei der Forderung des Geistes urn Erfullung ihres Kon- 
traktes, also gerade im Schlusssteine der ganzen Erzahlung, zwingt 
unbedingt die Verwandtschaft der »Rittertreue« mit »01ivier und 
Artus« oder einer im Endmotive ganz ahnlichen Dichtung anzu- 
nehmen. Nun lassen sich aber weitere Parallelen von »Ritter- 
treue« und »01ivier und Artus« nicht nachweisen. Ich bin daher 
zu der Annahme geneigt, dass »Rittertreue« eine unbekannte, 
offenbar verlorene Fassung der Totensage (alter Wahrscheinlich- 
keit auch la angehorend), die mit »01ivier und Artus« in der 
Schlussepisode ubereinstimmte , daneben aber, wie die originellen 
Lesarten zu beweisen scheinen, noch andere, die Totengeschichte 
nicht beruhrende Quellen benutzt habe. 

In jedetn Falle ist V. d. Hagen im Irrtum; aber wenn er sich 
gelauscht hat, so ist dies begreiflich und muss entschuldigt werden, 
denn wie aus seinen Auseinandersetzungen a. a. 0. hervorgeht, 
kannte er weder »01ivier und Artus«, noch die anderen hier be- 
handelten Dichtungen als Gestaltungen der Sage vom dankbaren 
Toten. 

II. »La Novella Di Messer Dianese E Di Messer Gigliotto*. 

(158 la 3). 

Der Unterstutzung des Junglings durch Waffen , Pferde etc., 
wie sie in der Novelle berichtet wird, nach zu urteilen, ware die 
Erzahlung mit »01ivier und Artus« verwandt, dagegen erscheint 
auch hier der Held als leichtsinniger Verschwender , und als der. 
Beschutzer die Erfullung des Paktes erheischt, stellt er ihn nicht 
fernerhin auf die Probe, er giebt sich vielmehr mit dem zufrieden, 
was ihm nach der Wahl des Helden noch ubrig bleibt. 

Auch diese Dichtung entbehrt, gerade was den letzten Punkt 
anbetrifft, nicht der Originalitat : Als der Geist seinen Schutz- 
befohlenen an das Versprechen mahnt, besinnt sich dieser nur 
allmahlich darauf. Der Beschutzer zerlegt sodann den Gesamt- 
gewinn in zwei Theile, die Jungfrau und das Reich. Der Held 
wundert sich noch uber die Ungleichheit der Teile, wahlt aber 
fur sich den besseren , die Jungfrau. 

Als Beeinflussung der Kaufmannsgeschichten (158) werden 
wir es anzusehen haben, wenn der Beschutzer, bei Lebzeilen Ritter, 
als Geist in Kaufmannsgestalt auftritt. 



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58 

y>Sir Amadas* l ) (158 I a 7). 
Leider ist uns das Gedicht nur fragmentarisch und in einer 
einzigen Hs. iiberkommen (H. Weber, »Metr. Rom.« t. I p. LX). 
Zwar lasst der uns erhaltene Teil der Einleitung erkennen , dass 
Sir Amadas seiner selbst verschuldeten Armut halber seine Heimat 
verlasst, auch finden sich in der Dichtung einige Zuge, die weder 
in »01ivier und Artus,« noch in einer anderen der hierher gehorigen 
Fassungen sich finden (Amadas geht in die Fremde vor allem, um 
die Spottreden seiner Bekannten uber seine Verarmung nicht an- 
horen zu mussen. — Die Frau des Verstorbenen ist noch am 
Leben und jammert uber das Schicksal ihres toten Mannes) — , 
doch zeigen sich im iibrigen , sowohl was die von mir stets be- 
tonten Hauptmotive, als auch besonders einige Einzelschilderungen 
anbetrifft, auffallende Anklange an »01ivier und Artus«. Stellen- 
weise stimmt die Darstellung beider Gedichte nahezu wortlich 
uberein : 

Olivier vvie Amadas, ihrer samtlichen Habe bar, vvenden sich 
in lautem Gebete zu Gott: 
0. A. lib. 
»Beau sire Dieu ie te prie que tu me vueilles onforter, car ma fiance 
n'est plus qifen toy. Je cognois que ma fortune m'est contraire*. 
S. A. ^95 ff. 

>0r els, Jesu, Y aske the reyd 

Astely that Y wer deyd : 

Therto God helpe me then !« 

Er glaubt ungehort geklagt zu haben, denn 0. A. lie erklart 
der weisse Ritter: 

»Je cognois que ton desplaisir t'a oste ton sens accoustume, car si tu 
eu8ses pense a ton fait tu eusses bien cogneu que tu faisois ta complainte 
si haut que toutes gens pres de toy le pouuoient ouyrc 

und S. A. 398 ff. lautet: 

By the forest as he fard, 
* He wende ther had no man hym hard, 

For he sa non in syght. 

Der Rilter erschrickt beim Anblick des Geistes. 0. A. lie 

Oliuier dressa la teste quand il se ouyt nommer: ne scauoit si e'estoit 
songe , ou fantasie, et comme esbahy en faisawt le signe de la croix luy 

dit 

S. A. 401 ft. 

Ther com rydyng an on hym by, 

And spake to hym so hastely, 

That he was afryght, 

On a mylke whyte stede, 

The same colour was his wede; 

He was areyd lyke a knyght. 

Bis in die Details ubercinstimmend berichten beide Gedichte, 
als der Tote seine Forderung um Erfullung des Paktes vorbringt: 



1) Kurzer Auszug der Dichtung bei Foerster a. a. 0. p. XXIV -XXVI. 



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59 

Der Jungling will das gewonnene Gut mit ihm teilen, aber der 
Geist erhebt auch Anspruch auf Frau und Kinder: 
0. A. 43 d. 
»Ny auez vous pas gaigne* femme et enfans?« 
S. A. 669 f. 

>Halfe thi chylde and halfe thi wyfe 
With me then schall thei gwon « 

Olivier hat zwei Kinder, einen Knaben und ein Madchen ; der 
Tote fordert das von beiden, welches dern Vater am liebsten ist: 

0. A. 44 a. 
Le cheualier dit qu'il vouloit auoir le fils, pource qu'il cognoissoit 
bien qu'il estoit le uiieux aime\ 

Ganz gleich verfahrt der Geist in S. A. 713 fiF. : 
The knyght seyd to his feloo tho: 
»Wheder lovyst thou better of the too?« 

He seyd >My wyfe so dere«. 
»Sython thon lovyst her the more, 
Thou schalt se her partyd or 

Her whytes sydes sere«. 

Bei seinem Auftreten giebt der Beschutzer Amadas den Rat, 
zum Strande hinzugehen, wo er reiche Kleidung und Waffen vor- 
fande. Dann solle er den Konig einer benachbarlen Stadt auf- 
suchen und vorgeben, er habe SchifiFbruch gelitten und alle seine 
Habe verloren. Durch grossen Aufwand und Freigebigkeit moge 
er die Gunst des Konigs und seiner Tochter zu gewinnen suchen *), 
man werde ihm den Besitz des Konigreichs und die Hand der 
Jungfrau nicht vorenthalten. Eine gewisse Vervvandtschaft des me. 
Gedichtes mit »01ivier und Artusc auch an dieser Stelle ist nicht 
abzustreiten, wenn hier derSchiffbruch auch thatsachlich passiert, 
in »Sir Amadas« dagegen nur fingiert ist. 

Der Tote war bei Lebzeiten den anderen Fassungen gemass 
Ritter, in »Sir Amadas« allein Kaufmann, doch erscheint er nach 
dem Tode als weisser Ritter. Das Verhaltnis ist hier das umge- 
kehite wie in der italienischen Novelle, nach welcher der Ritter 
als Kaufmann umgeht. Auch im »Sir Amadas* werden wir Ein- 
vvirkung der Kaufmannserzahlungen anzunehmen haben, zumal 
da das Gedicht den Glaubiger ebenfalls als Kaufmann bezeichnet. 



1) Dieses Passns zu Folge sollten wir das Gedicht 1c (vgl. 158) zuteilen, 
da der Held durch List, ohne im Turnier gesiegt zu haben, (Jeniahl der 
Konigntochter zu werden scheint. Es wild jedoch im Gedichte auf das 
Stattfinden eines Turniers hingewiesen, wenn wir auch den Verlaut desselben 
nicht verfolgen kdnnen: 
S. A. 488 ff. The kyng hymselte saw hym with syght, 
And his doghtter feyr and bryght 
The turnament that tor schuld be. 



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60 

Es erubrigt noch, diejenigen Fassungen der Sage vom dank- 
baren Toten zu behandeln, die als Bearbeitungen des »01ivier und 
Artus« bereits bekannt sind. Nur die Gestalt der Totensage wird 
dnbei unser Interesse in Anspruch nehmen. Mein Bestreben wird 
es sein, die Anderungen, welche der Cberarbeiter an den Haupt- 
motiven vorgenommen hat, zu konstatieren und womoglich aus 
seinem eigenen Sinne und derTendenz seines Werkes zu erklaren. 

» Olivier de Castille* ins Deutsche ubersetzt von Wilhelm Ziely. 

(158 la 4). 
Das Verhaltnis zwischen Original und Ubersetzung hat Frolicher 
untersucht in seiner 158 genannten Dissertation. Ziely hat »bei 
seiner Wiedergabe fast Satz fur Satz und Wort fur Wort 
ubersetzt* (Frol. p. 107), und so ist auch die Totensage der Vor- 
lage unverandert in der Ubertragung wiederzufinden. 

Dramatische Bearbeitung dcs ^Olivier und Artus* 
von Hans Sachs (158 la 4). 
Sq lautet in Frolichers Arbeit der Titel eines Abschnitts, der 
in kurzen Worten das Verhaltnis des Dramas von Hans Sachs zu 
dem Ziely'schen Romane folgendermassen charakterisiert: »Hans 
Sachs lehnt sich genau an Ziely's Roman an. Selten wortlich: 
denn er vereinfacht, zieht zusammen und ergeht sich nirgends in 
die Breite der Vorlage«. Die Totensage besteht in der alten Ge- 
stalt fort. 

»Don Juan de Castro* (158 la 5). [Analyse bei Adolf Scheffer: 
»Geschichte des spanischen Nationaldramas« t. I p. 141-142]. 
Der Inhalt des »01ivier von Castilien« ist von Lope de Vega 
in fast unveranderter Gestalt ubernommen worden. Seine ganze 
Arbeit bestand wesentlich darin, den Roman in Akte und Scenen 
zu zerlegen und in metrisches Gewand einzukleiden. Uns in- 
teressiert die Gestalt der Sage vom dankbaren Toten: Sie ist 
dieselbe wie in »01ivier von Castilien.« 

Anders »El Mejor Amigo El Muerto« (158 la 6). 

Ich gebe im Folgenden eine gedrangte Analyse des vvenig 
bekannten Sliickes: 

Lidoro hat samt seinem Sohne Tibaldo und Roberto, dem 
Principe d'Irlanda Schiflfbruch gelitten. Totkrank richtet er an 
den Fursten noch die letzte Bitte, fur ihn eine gewisse Summe 
an einen Glaubiger zu bezahlen, doch predigt er tauben Ohren. — 
Lidoro verscheidet. — Der Glaubiger will den Leichnam erst dann 
beerdigen lassen, wenn er die betreffende Summe in Handen habe. 
Don Juan jammert die Prophanierung der Leiche, und als er sieht, 
dass der Glaubiger von seinem Vorsatze nicht abzubringen ist, 
tilgt er selbst die Schuld des Toten. — In London angekommen, 
nimmt er Partei fur die Konigin Clarinda, die Roberto, der Furst 



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61 

von Irland, gewaltsam zum Altare fuhren will. — Arnesto, einem 
wehrlosen Bedienten steht er bei gegen drei bewaffnete Manner, 
mit blanker Klinge tritt er den Verfolgern des Dieners in den 
Weg. Da erscheint Roberto mit Clarinda , und Don Juan , den 
man fur einen Rebellen halt, wird in Ketten gelegt. Von Arnesto 
erhalt Don Juan die Nachricht, der Furst habe ihn vvegen revo- 
lutionarer Umtriebe zum Tode verurteilt, aber der Diener weigert 
sich , die ihm von Don Juan erwiesene Wohlthat durch Losung 
seiner Fesseln zu vergelten. »Di ahora« , sagt Don Juan, als alle 
Reden vergebens, »que los amigos Que usa el mundo son los 
buenosc Da als alle Welt, selbst der Mann, dem er das Leben 
gerettet, ihn im Stiche lasst, erscheint der Geist des Lidoro und 
antwortet Don Juan auf seine Frage, wer er sei: »EI mayor amigo 
Que teneis*. Unerkannt befreit er sodann seinen Wohlthater aus dem 
Kerker. — Die Flucht des Gefangenen wild bald im Schlosse be- 
kannt, ebenso die Nachricht, Don Juan habe in der Siadt Zette! 
anschlagen lassen des Inhalts, er wolle fur die Konigin gegen 
Roberto eintreten, und wenn uberhaupt ein Furst ihrer Hand 
wurdig sei, so sei er es, Don Juan de Castro. — Unser Held selbst 
weiss nichts von diesen Vorgangen, sie sind das Werk des Lidoro. 
Bei einem Maskenballe zur Feier des Geburtstages Clarindas er- 
offnet er ihr seine wahre Gesinnung, doch wird er von seinem 
Todfeinde Roberto erkannt, die Begleiter des Fursten wollen ihn 
toten. Da erscheint Lidoro in der Gestalt des Don Juan, schickt 
diesen hinweg und lasst sich von den Angreifern durchbohren. — 
Die Konigin weigert sich nach wie vor , Roberto zu heiraten ; 
Don Juan tritt often fur sie ein; der Krieg ist entfacht. — Die 
Sache der Konigin steht schlimm, sie selbst wird gefangen ge- 
nommen. Da in der aussersten Not erscheint von neuem der 
Geist. »Quien eresU fragt Don Juan, und wir vernehmen die 
Antwort: »E1 mejor amigo«. Mit einerSchar Reiter befreit Lidoro 
die Konigin und schlagt Roberto. — Don Juan wird Clarindas 
Gemahl und Konig von England. Das Stuck schliesst mit einer 
Wiederholung seiner Tendenz; 

>El mejor amigo el muertoc. 

Der Inhalt des »Olivier > von Castilien« resp. >Don Juan de 
Castro« hat vor alien zwei Anderungen erfaliren: 

1) Die Freundschaftslegende , im »Don Juan de Castro« 
noch stark ausgepragt, ist geschwunden; 

2) Die Totensage hat eine ganz neue Gestalt angenommen: 
Der Beschutzer stellt keine Bedingung, drangt daher audi nicht 
auf Erfullung einer solchen. 

Was hat die Verfasser (es sind deren drei) zu diesen funda- 
mental Abanderungen veranlasst? 

»E1 mejor amigo el muerto« lautet der Titel und gleichfalls 
die oftmals wiederkehrende Tendenz des Stiickes: Die treustcn 



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62 

Freunde sind noch die Toten, Undank ist dagegen dor Welt Lohn. 
Dieser leitenden Idee mussten die Dichter die ganze Handlung unter- 
ordnen. Es musste daher ihre Aufgabe sein, den Helden zu einem 
Punkte zu fuhren, wo er trotz personlicher Freigebigkeit und 
Grossmut von aller Welt, selbst dem Manne, der ihm sein Leben 
verdankt (Arneslo) im Sliche gelassen wird. Die Sage von den 
beiden unzertrennlichen Freunden war also offenbar hier unan- 
gebracht und musste wegfallen. — Ebenso unsinnig, ja lacherlich 
ware es (Punkt 2 betreffend) gewesen, die Hilfe einer ubernatur- 
lichen Macht, die doch als die einzig zuverlassige verherrlicht 
werden soil, noch an eine tnaterielle Bedingung zu knupfen, die 
den Helden zwingt, Gattin und Sohn dem Tode preiszugeben. 

Als Resultat fur den Stand der Totensage in »EI mejor amigo 
el muerto« ergiebt sich daher Folgendes: 

Die Sage vom dankbaren Toten in »E1 mejor amigo el muerto«, 
hat dcr Vorlage »Don Juan de Castro« gegenuber einen bedeu- 
tenden Wandel erfahren, doch geschah er zur Wahrung und Durch- 
fuhrung der Tendenz, welche der Gomodie zu Grunde liegt. 



Zum Schlusse erscheint es mir noch interessant und bemer- 
kenswert, wie die Verfasser der verschiedenen Gestaltungen der 
Sage vom dankbaren Toten den Stoff von anderen Gesichtspunkten 
beurteilt haben, in Folge dessen auch verschiedene Konsequenzen 
Ziehen : 

»Rittertreue*. 

Wie schon der Titel besagt, legt der Dichter den Schwer- 
punkt der Erzahlung in den Moment, da der Rilter zeigt, dass 
seine Treue, sein Wort ihm vor alien Dingen heilig sind: Der 
Ritter ist Held der Dichtung: 

V. 1-4. Ich wil den h§ren raten daz, 

daz si niht sin an tugenden laz, 
Qnd ir triuwe balden wol 

ze rente 

V. 19 ff. Da gedenket, ir ritter, an, 

daz wol rait triuwen raak ein man 
Pris und ere erwerben. 
V. 858 ff. triuwe ist noch daz beste : 

fr ritter, halt die triuwe wort; 
sent iu got hie niht ein pfert, 
Er gibt iu dort ze 16ne 
daz bimelriche schone. 

» Novella Di Messer Dianese E Di Messer Gigliotto*. 
Der Verfasser sucht die Lebenden durch Hinweis auf die 
Dankbarkeit und Freigebigkeit der Toten zu beschamen p. 20, 14 ff. 
>Dunquc sVmorti guiderdonano i servigi, che debono fareivivi?t 



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63 

Hier ist der Tote die Hauptperson, Dianese nur das 
Medium, an dem der Dichter seine Tendenz entwickelt. 

y>El Mejor Amigo El Muerto* offenbart, wie wir gesehen, 
eine ahnliche Idee, der Tote tritt ebenfalls in den Vorder- 
grimd. 

In »Sir Amadas* spielt die Gattin desHelden die 
erste Rolle, sie, die bereit ist, zur Ehrenrettung des Gemahls 
ihr eigenes Leben hinzugeben , als stille Dulderin vvird sie gefeiert 
und den anderen Frauen als leuchtendes Beispiel weiblicher Treue 
und Gottesfurcht vor Augen gefuhrt. 

V. 634. »Blessed mot suche wemen be!« 
V. 770 ff. Full few lades ar of tho, 

That wolde serve ther lorde so, 
Bot sum wolde sey nay. 
Who so loffes God with all his myght, 
And his moder that virgyn bryght, 

Y dere hardly wele sey, 
Thoffe thei haue not als tyte her wyll, 
Yette shall they cum sumtyme tbertyll 
And passe full wele away. 

I n d e r »comedi« des Hans Sachs endlich tritt die To ten- 
sago ziemlich zuruck gegen die Geschichte von den an Leib 
und Seele gleich gearteten, unzertrennlichen Freunden. Es geht 
dies hervor aus den das Drama beschliessenden Worten des 
»eherenholdts« (Keller a. a. 0. p. 259): 

>So habt ir geh6rt die comedi, 

Doch vast gleich ist einer tragedi. 

Die zwen cruder furbilden eben 

Auff erdt das gantz menschliche leben, 

Welches das unstet waltzent gliick 

Steht auff und abwurtft durch sein diick, 

Von frewd in leid, gleich wie ein bal, 

In dem elenden jamerthal.« 



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Nachtrag. 

Noch walirend der Drucklegung vorstehender Arbeit uber- 
mittelte mirHerr Professor Stengel in zuvorkommendster Weise 
eine Breslauer Dissertation aus dem Jahre 1888 von Max Hippe: 
»Untersuchungen zu der mittelenglischen Romanze von Sir Amadas. 
I. Fabel des Gedichies*, von deren Existenz ich seither keine 
Kenntnis hatte. Hippe stellt seine Resultate p. 41 durch einen 
Stammbaum der verschiedenen Gruppen der Tolensage dar. Eine 
Prufung der Fassungen auf ihre Abhangigkeit innerhalb einer ein- 
zelnen Gruppe hat er jedoch nicht unternommen. 1m letzten Teile 
meiner Abhandlung ist nun gerade dies meine Aufgabe gewesen : 
Ich habe die bei Hippe p. 41 unter II. als Fassungen mittelalter- 
lich-romantischer Form bezeichneten Dichtungen durch genaue 
Vergleichung der Texte auf ihr gegenseitiges Verhaltnis gepruft. 
So mag dieser letzte Abschnitt als Fortsetzung der Hippe'schen 
Untersuchungen gelten. 

Berichtigungen. 

p. 5 Z. 25 statt 132 lies 32 
p. 6 Z. 3 » 157 » 154 
p. 16 Z. 24 » 157 » 154. 



Lebenslauf. 



Am 23. November 1869 wurde ich, Heinrich Wilhelmi, Sohn 
des Reg -Kanzl.-Secretars Heinrich Wilhelmi, zu Wiesbaden geboren. 
Ich gehOre der uniert-protpstantischen Confession an. Den ersten Unterricht 
erhielt ich in der Volksschule meiner Vaterstadt SeitOstern 1879 besuchte 
ich das K6nigliche Realgymnasium zu Wiesbaden, das ich Ostern 1888 mit 
dem Zeugnis der Reife verliess. Ich widmete mich iortan dem Studium 
der neueren Philologie zunachst auf der Universitat Marburg, bezog Herbst 
1889 die Universitat Berlin und kehrte Ostern 1890 nach Marburg zuruck. 
Am 9. November 1893 bestand ich daselbst das exaraen rigorosuui. 

Meine akademischen Lehrer waren die Herren Professoren und Dozenten: 
Bergmann, Birt, Cohen, Delbruck, Feist (+), Geiger , Hoffory, 
Kauffmann, M. Koch, Koster, Lucae (f), Paulsen, E. Schmidt, 
Edw. Schroder, Stengel, Stosch, Vietor, Weinhold, Wissowa, 
Zupitza. 
lhnen alien, insbesondere aber Herrn Professor Stengel, bin ich zu 
stetem Danke verpflichtet. 



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